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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Geschichtswissenschaft

»Bissl schäbig«

Eine Frage der Wissenschaftsethik: Andrej Angricks Forschung zur »Aktion 1005«
Von Lothar Zieske
aktion 1005.jpg
SD-Männer während der »Aktion 1005«, Polen, September 1939

Voller Neugierde schlug ich die beiden Bände des monumentalen Werks zur »Aktion 1005« auf, das der Historiker Andrej Angrick im Jahre 2018 veröffentlicht hat. Das Thema – eine streng geheime Aktion der Nazis, die in den Jahren 1942 bis1944 unter Leitung des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete durchgeführt wurde und die dazu diente, die Leichenberge zu beseitigen, die Einsatzgruppen und Wehrmacht in Osteuropa hinterlassen hatten – war mir durch das umfangreiche Werk des Berliner Historikers Jens Hoffmann »Das kann man nicht erzählen« bekannt. Es war 2008 zum ersten Mal erschienen und trug den Untertitel: »›Aktion 1005‹ – Wie die Nazis die Spuren ihrer Massenmorde in Osteuropa beseitigten«. Es hatte einen Umfang von über 400 Seiten. Inzwischen ist eine dritte Auflage (2013) erschienen, außerdem eine Kindle-Ausgabe (2015).

Meine Neugier richtete sich nicht zuletzt auf die Frage, wie es möglich sein konnte, dass kurz nach der letzten Auflage eines umfangreichen Spezialwerks ein anderer Historiker ein dreimal so dickes vorlegen konnte. Angrick – so sagte ich mir – musste natürlich Hoffmanns Grundlagenwerk kennen. So sah ich zunächst im Literaturverzeichnis nach: Der Titel war genannt, ansonsten aber keine andere Arbeit von Jens Hoffmann zum Thema, weder sein Buch (»›Diese außerordentliche deutsche Bestialität‹: Wie die Nazis die Spuren ihrer Massenmorde in Osteuropa beseitigten«, 2013) noch der Aufsatz, den er in dem Sammelband: »Der Vernichtungsort Trostenez in der europäischen Erinnerung« (2013) veröffentlicht hatte. Dieser Befund befremdete mich schon erheblich.

Andererseits hatten es Veröffentlichungen der Forscher Krisztian Ungvary und Bogdan Musial geschafft, in das Literaturverzeichnis aufgenommen und zitiert zu werden. Beide hatten durch ihre revisionistischen Arbeiten den Geldgeber der Wehrmachtsausstellung Jan Philipp Reemtsma veranlasst, die erste Fassung zurückzuziehen und durch eine zweite zu ersetzen. An dieser hatte auch Angrick mitgewirkt. Er ist außerdem Mitarbeiter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, die Reemtsma 1984 ins Leben rief.

Jens Hoffmann wird im Textteil von Angricks gesamtem Werk nur an einer einzigen Stelle erwähnt, und diese ist es wert, im Wortlaut zitiert zu werden: »Eine einzige, mittlerweile vergriffene Studie, mit Verve von dem Berliner Journalisten Jens Hoffmann verfasst, ist breiter angelegt, doch auch hier liegt der Fokus auf den Ereignissen in der besetzten Sowjetunion und ausgewählten Orten im Generalgouvernement. Andere Länder und Regionen des von Deutschen besetzten Europas werden nur kursorisch behandelt oder gänzlich ausgeklammert, dasselbe gilt für notwendige Komplementärfelder, hier vor allem die Propaganda und die Außenpolitik. Daher ist Hoffmanns Arbeit zwar eine erste Annäherung an das Thema, aber im Hinblick auf die Bandbreite der Operation – und zwar in räumlicher Hinsicht, bezüglich der tatbeteiligten Einheiten, Organisationen und Personen sowie der Nachzeichnung der Tatausführung vor Ort – lückenhaft und wird der Anlage des Systems Aktion 1005 nur ansatzweise gerecht.« (S. 14)

Alle Argumente, die Angrick anführt, können bestenfalls begründen, dass ein weiteres Spezialwerk zum Thema seine Berechtigung hat, nicht aber, dass er Hoffmann nie mehr zitiert. Der letzte Halbsatz ist in seinem argumentativen Gehalt außerdem so schwammig (inwiefern wird Hoffmanns Werk »der Anlage des Systems«, was immer das bedeuten mag, nicht gerecht?), dass eine Konkretion notwendig gewesen wäre. Auffällig ist, dass der Autor Hoffmann als »Journalisten«, nicht als Historiker apostrophiert. Das soll offenbar andeuten, er sei nicht vom Fach. Der Begriff »Verve« kann in diesem Kontext nur bedeuten, dass Fachkenntnis durch Empathie ersetzt wird. Das ist sicher nicht als Empfehlung für den Autor Jens Hoffmann zu verstehen!

Die Zeitschrift Konkret (Heft 3/2019) kritisiert zu Recht, »dass Ende Januar […] die Süddeutsche Zeitung eine Studie von Andrej Angrick als ›echte Grundlagenforschung‹ und seine Publikation als ›verlegerische Großtat‹ besungen [hat]« und stellt demgegenüber fest: »Nun, diese echte Grundlagenforschung hat auf bereits gut beforschtem Grund stattgefunden. […] Angrick aber nimmt von diesem Werk nur im Vorwort kurz Notiz und erwähnt Hoffmanns Nachfolgeband zum Thema […] nicht mal mehr in seiner Literaturliste. ›Bissl schäbig, aber als Haltung im Kultur-/Wissenschaftsbetrieb ja ziemlich verbreitet‹, schreibt uns Jens Hoffmann dazu.«

Sein Understatement ist ehrenwert. Es wird aber dem Schaden nicht gerecht, die ihm durch Andricks Methode des Weglassens und des Kleinredens seiner Leistung entstanden ist.

Andrej Angrick: »Aktion 1005«. Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942–1945. Wallstein-Verlag, Göttingen 2018, 2 Bd., 1.381 Seiten, 79 Euro

Debatte

  • Beitrag von Reinhard L. aus . (24. Mai 2019 um 23:34 Uhr)
    Wie mir scheint, hat dieses Herunterschreiben Hoffmanns mit dem Argument, er habe sich ja »nur« mit den Vorgängen in der Sowjetunion beschäftigt, Methode und entspricht der Tendenz in der offiziellen und offiziösen Gedenkwissenschaft. Dort ist seit einigen Jahren die Tendenz zu beobachten, dass – formal neben, faktisch aber gegen die sowjetische Erinnerung – das Leiden anderer osteuropäischer Völker, insbesondere der Polen und Balten, kompensatorisch in den Vordergrund gestellt wird. Zumal die Geschichts- und Gedenkpolitik dieser Länder explizit antirussisch und antisowjetisch formatiert ist. Leider hat der Autor diesen Aspekt nicht berücksichtigt, wenn er ihm denn bewusst gewesen sein sollte; außerdem hätte ich schon gern gewusst, was Angrick denn nun eigentlich herausbekommen hat, anstatt nur Klatsch aus der Küche des Wissenschaftsbetriebs serviert zu bekommen. Bissl schwach.

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