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Aus: Ausgabe vom 24.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Und wieder eine Hütte weg

Umweltzerstörung und Widerstand, beides hautnah: »Die Rote Linie«, ein Dokfilm über die Proteste im Hambacher Forst
Von Marvin Oppong
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Rückgewinnung der Maßstäbe: Rote Linie aus 3.000 Menschen (»Hambi«, August 2017)

Der Zeitpunkt für den Kinostart eines Dokumentarfilms über den Widerstand gegen die Rodung der Reste des Hambacher Forsts ist günstig. »Die Rote Linie« der Regisseurin Karin de Miguel Wessendorf und des Produzenten Valentin Thurn (»Taste the Waste«) zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass Protagonistinnen und Protagonisten des Protests im Fokus stehen: die bekannte Umweltaktivistin Antje Grothus von der Bürgerinitiative »Buirer für Buir«, der Naturführer und Waldpädagoge Michael Zobel, der Waldbesetzer Clumsy sowie Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Man erhält zunächst Einblicke in das Alltagsleben der Waldbesetzer, die sich auf eine bevorstehende Räumung vorbereiten, lange bevor Massen nach Hambach strömen und sich der Kreis der Besetzer vergrößert.

Großen Raum nimmt auch die, wie es im Film heißt, »Vertreibung« von Menschen aus ihrer Heimat ein. De Miguel Wessendorf begleitet einen Mann, der aus Immerath kommt und sich mit seiner Frau und seinem Kind emotional auf das Ende seines Dorfs vorbereitet, das einem RWE-Tagebau weichen muss. Sinnbildlich steht dafür im Film die Kirche von Immerath, die mit einem Bagger abgerissen wird.

»Die Rote Linie« arbeitet sich chronologisch durch die Ereignisse, zeigt auch Bilder von einer RWE-Hauptversammlung im Jahr 2016, die schon im Dokfilm »Die grüne Lüge« (Österreich 2017) zu sehen waren. Protestierende entrollen auf der Aktionärsversammlung Banner, die ihnen Ordner mit Gewalt abnehmen, was den RWE-Chef zu einem trockenen Scherz über seine Familie veranlasst. Ähnlich grotesk wirkt die Äußerung des Protagonisten Zobel, der in die Kamera sagt, er sei durch eine Erbschaft »stolzer Besitzer von 100 RWE-Aktien«. Wie sehr jeder einzelne für die Rodung mitverantwortlich ist, wird auch deutlich in einer Szene, in der eine Frau, deren Heimatdorf dem Tagebau weichen musste, erklärt, durch die Proteste habe sich ihre Einstellung geändert. Sie fragt sich, »ob das alles so richtig ist, wie man lebt, wie man konsumiert«. In ihrem Garten habe sie neulich gedacht: »Du hast da und da Licht brennen und das Radio laufen. Und Pech wird abgebaggert ... Und wieder eine Hütte weg.«

Auch Naturführer Zobel identifiziert sich mehr und mehr mit den Ideen der Tagebaugegner. Bei einer Protestveranstaltung ruft er ins Mikro: »In diesem Wald gibt es 150 Menschen. 15 bis maximal 30 davon sind diese ganz gefährlichen aus dem schwarzen Block. Und dagegen werden seit der letzten Woche diese 4.000 Beamten eingesetzt. Rund um die Uhr! (…) Mir gehen die Maßstäbe in diesem Land gerade verloren. In Chemnitz fehlt die Polizei und hier ist sie jeden Tag und jede Nacht!« Man fragt sich, ob er zu diesem Zeitpunkt noch seine RWE-Aktien hält.

»Die Rote Linie« kommt ohne jeden Offkommentar aus, der Sachverhalte werten oder einordnen würde; die Bilder sind so zusammengeschnitten, dass das funktioniert. Zu Wort kommen so gut wie ausschließlich Tagebaugegner. Ihr Film sei einer »über den Widerstand«, erklärt die Regisseurin, nicht etwa über die Unternehmenspolitik von RWE. Zu einigen Punkten hätten man die Darstellung von RWE allerdings gerne gehört.

Bei der Kinotour kooperieren die Macher der WDR-Koproduktion mit Greenpeace, BUND, Bündnis 90/Die Grünen, »Fridays for Future«-Gruppen, »Buirer für Buir« und Initiativen wie »Ende Gelände«.

Der Film kommt größtenteils ohne dramatisierende Musik aus, das ändert sich erst im Räumungsshowdown. Die Schönheit einiger Bilder verdankt sich dem »Color grading«, bei dem Farben von Aufnahmen am Computer verändert werden, um etwa eine kühle oder freundliche Stimmung zu erzeugen. Was den Film in erster Linie sehenswert macht, sind die Einblicke in den Protest.

»Die rote Linie«, Regie und Buch: Karin de Miguel Wessendorf, D 2019, 115 min, gestern angelaufen, Kinotourtermine mit Team (Auswahl): Heute, 24.5., Leipzig, 25.5. Frankfurt am Main, 26.5. Aachen, Köln, Tübingen, 3.6. Wien, 4.6. Jena, 7.6. Potsdam

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