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Aus: Ausgabe vom 22.05.2019, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

»Glücklich angegriffen«

Goethe war zufrieden. Vor 200 Jahren wurde sein »Faust« zum ersten Mal in privatem Rahmen auf einer Bühne aufgeführt
Von Heinz Hamm
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Gretchens Zimmer – Dekorationsentwurf von Karl Friedrich Schinkel für eine weitere »Faust«-Aufführung im Berliner Palais Radziwill im Mai 1820

Nachdem Goethe seinen »Faust. Eine Tragödie« im Mai 1808 endlich veröffentlicht hatte, wurde er bedrängt, das Werk selbst in Weimar auf die Bühne zu bringen; und er war nicht abgeneigt. Am 18. November 1810 schrieb er an seinen Freund Carl Friedrich Zelter: »Schließlich melde, dass uns ein seltsames Unternehmen bevorsteht, nämlich den Faust aufzuführen, wie er ist, insofern es nur einigermaßen möglich werden will. Möchten Sie uns wohl mit einiger Musik beistehen«.¹ Zu konkreten Vorarbeiten kam es Ende 1812. Goethes Tagebuch verzeichnet von Oktober bis Dezember 1812 mehrfach Unterredungen über die Aufführung mit seinem Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer und dem Schauspieler Pius Alexander Wolff. Ein von Wolff aufgezeichnetes und von Goethe eigenhändig überarbeitetes Schema enthält den Plan für die Bühneneinrichtung zu einem fünfaktigen Werk. Das Unternehmen wurde mehrfach verschoben und schließlich ganz aufgegeben. In einem Brief an Carl Graf von Brühl vom 1. Mai 1815 gab Goethe zu: »An Faust wird schon seit einigen Jahren probiert, es hat aber noch nicht gelingen wollen. Man müsste vieles aufopfern, das aber auf andere Weise zu ersetzen, dazu hat Geist und Humor nicht hinreichen wollen.«²

Fragmentarische Schau

Ein neuer Anstoß für eine Aufführung kam von seiten der Musik durch den mit Luise Friederike von Preußen, einer Nichte Friedrichs II., verheirateten polnischen Magnaten Anton Heinrich Radziwill. Der in Berlin im Umkreis des preußischen Hofes lebende Fürst, zugleich Politiker und Komponist, hatte sich seit 1808 unablässig damit beschäftigt, »Faust. Eine Tragödie« vollständig zu vertonen; und am 1. April 1814 hatte er bei einem Besuch in Weimar seine Kompositionen Goethe singend und deklamierend mit eigener Violoncellobegleitung vorgetragen. In den »Tag- und Jahres-Heften« heißt es dazu: »Der Besuch des Fürsten Radziwill erregte gleichfalls eine schwer zu befriedigende Sehnsucht; seine genialische uns glücklich fortreißende Komposition zu Faust ließ uns doch nur entfernte Hoffnung sehen, das seltsame Stück auf das Theater zu bringen.«³ Die Bemühungen des Fürsten Radziwill gingen ein in die erste Aufführung des »Faust«, die freilich nur eine sehr fragmentarische war. Sie fand statt am 24. Mai 1819, dem Geburtstag der Fürstin Luise Radziwill, als Privataufführung in Berlin im Schloss Monbijou. Gegenüber dem heutigen Bode-Museum zwischen Spree und Oranienburger Straße gelegen, war das Schloss Residenz von Königinnen und seit 1877 Hohenzollernmuseum. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt wurde es 1959 abgerissen und an seiner Stelle der Monbijou-Park angelegt.

Dass ausgerechnet in der preußischen Hauptstadt »Faust« erstmals auf die Bühne kam, war keineswegs selbstverständlich. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hatte zum Dichter Goethe ein äußerst reserviertes Verhältnis; denn der war bekanntlich kein guter Christ. Am Berliner Hof gab es jedoch auch große Verehrer Goethes, die eine Aufführung vorantrieben, neben Fürst Radziwill der Generalintendant der Königlichen Bühnen Graf von Brühl. Am 31. März 1816 gab es im Radziwill-Palais an der Wilhelmstr. 77 die erste Leseprobe mit der Musik des Fürsten. Im Juni 1816 zog man zu weiteren Proben unter der Regie des Grafen von Brühl in das Königliche Theater um. Am 21. Mai 1819 schließlich wurde zu einer öffentlichen Generalprobe in das Radziwill-Palais geladen; unter den Gästen waren Goethes Sohn August und dessen Frau Ottilie, die sich für fünf Wochen in Berlin aufhielten.

Was auf der Generalprobe gegeben wurde, erfährt man aus einem Bericht von August an seinen Vater: »Es war eine sehr zahlreiche Gesellschaft sowohl von Zuhörern als Teilnehmenden, da ein ganzes Orchester und ein Teil der Singakademie teilnahm. Folgende Szenen wurden aufgeführt: 1. Das Soldatenchor (v. 884–902) mit der Komposition von Radziwill sehr schön ausgeführt. 2. Der Monolog von Faust, Erscheinung des Erdgeistes, Gespräch mit Wagner (v. 354–601). Gesprochen von Wolf. 3. Monolog vom Faust, wo er denn Gift nehmen will, gespr(ochen) von Wolf alles mit Musikbegleitung. Besonders schöner Effekt des Chors ›Christ ist erstanden‹. 4. Die Szenen von Faust und Gretchen wie sie Blume zupft, als Duett behandelt (…). 5. Szene, wo Faust den Pudel mitbringt und so lange beschwört, bis der Mephistopheles erscheint, welchen letzten der Herzog Karl von Mecklenburg ganz vortrefflich sprach. 6. Gretchen, wie sie singt ›O neige du Schmerzensreiche‹ (v. 3587–3619). (…) Der Fürst ist ganz Leben dabei, und man sieht, dass er nichts andres treibt und tut, als sich den Faust ganz zu eigen zu machen.«⁴

Am 24. Mai fand dann die eigentliche nichtöffentliche Aufführung statt, von der August als geladener Gast seinem Vater ebenfalls sofort einen Bericht gab: »Am Abend wurde von den Prinzen (Friedrich Carl Alexander und Heinrich Albrecht von Preußen, H. H.) in Monbijou der Geburtstag der Fürstin Radziwill gefeiert und zu diesem Zweck zwei Szenen aus dem Faust auf einem sehr hübsch eingerichteten Theaterchen gegeben. Es war die Szene, wo der Faust den großen Monolog hält, der Erdgeist erscheint und endlich Wagner stört und mit dem Chor Christ ist erstanden schließt, die Dekoration von Fausts Zimmer war sehr gut gemalt, die Erscheinung des Erdgeistes, wozu man Ihr Bild, bester Vater, durchs Fenster kolossal erscheinen ließ, machte einen großen Eindruck, überhaupt spielte Wolf den Faust herrlich. Die zweite Szene war die, wo Faust den Pudel mitbringt, welcher sich endlich in den Mephistopheles verwandelt, der Herzog Carl von Mecklenburg spielte ihn ganz unübertrefflich.«⁵ Aus Berichten über weitere Aufführungen im Jahr 1820, unter anderem erneut am 24. Mai, ist zu entnehmen, dass weitere Szenen aus der Gretchen-Handlung nach und nach miteinbezogen wurden.

»Schreckliches Gesicht«

Den Theatermann Brühl beschäftigte nach der ersten Aufführung vor allem die Erscheinung des Erdgeists. Mit der Idee von Radziwill unzufrieden wandte er sich Rat suchend an Goethe: »Sie werden erfahren haben, dass der Fürst den Gedanken gehabt, die Erscheinung des Erdgeists durch Phantasmagorie zu bewirken, und dass er den Erdgeist unter Ihren Gesichtszügen hat darstellen lassen. Inwiefern diese Idee gut oder nicht gut ist, wage ich nicht zu entscheiden; der Zweck war aber insofern verfehlt, dass die ganze Erscheinung nichts Schreckliches, sondern eher etwas Erfreuliches hatte, und gleichwohl Faust zu sagen hat ›Schreckliches Gesicht‹. Bei der Wiederholung, welche zu dem Geburtstage veranstaltet wird, wünschte ich wohl der Sache etwas näher zu rücken und bitte Sie daher inständigst, mich nur mit einigen Worten wissen zu lassen, wie Sie sich die Erscheinung des Erdgeists denken. Um Ihnen eine anschauliche Idee von der kleinen Bühne selbst zu geben, lege ich Ihnen die Zeichnung der Dekoration bei. Es sind gar keine Kulissen gemacht worden, sondern das Theater ist durch fünf mehr oder weniger breite oder schmale Wände abgeschlossen, und gleichfalls mit einem verschlossenen Plafond versehen, so dass also das Ganze vollkommen einem Zimmer ähnlich ist. Durch das hintere Fenster, welches transparent gemalt ist, zeigt sich nicht allein der vorgeschriebene Mondschein, sondern auch die Erscheinung des Erdgeistes, von dem man aber nur den kolossalen Kopf sah, welcher eine Höhe von vier Fuß einnahm.«⁶ Goethe antwortete umgehend: »Nun zu Ihrer Anfrage mit Zurücksendung der Zeichnung. Diese Darstellung des Erdgeistes stimmt im Ganzen mit meiner Absicht überein. Dass er durch’s Fenster herein sieht, ist gespensterhaft genug. Rembrandt hat diesen Gedanken auf einem radierten Blatte sehr schön benutzt. Als wir uns hier auch einmal vornahmen, dieses Stück anzugreifen und vorzubereiten, war mein Gedanke gleichfalls nur, einen kolossalen Kopf und Brustteil transparent vorzustellen, und ich dachte, dabei die bekannte Büste Jupiters zugrunde zu legen, da die Worte ›schreckliches Gesicht‹ auf die Empfindung des Schauenden, der vor einer solchen Erscheinung allerdings erschrecken kann, eben sowohl als auf die Gestalt selbst bezogen werden konnten; auch überhaupt hier nichts Fratzenhaftes oder Widerliches erscheinen dürfte. Wie man etwa durch flammenartiges Haar und Bart sich dem modernen gespensterhaften Begriff einigermaßen zu nähern hätte; darüber waren wir selbst noch nicht einig; einem klugen Künstler gelingt vielleicht eine, der Sache recht gemäße, Erfindung. Übrigens darf ich mich in diesem Sinne sehr geschmeichelt fühlen, dass man mir bei so guter Gelegenheit, in so ansehnlicher, schöner Gesellschaft diese wichtige Rolle vorläufig übertragen wollen. Schon aus den Briefen meines Sohnes bewundere ich, was für Faust geschehen und geschieht. Nur mit solcher Genialität und Vorliebe konnte das Geschäft glücklich angegriffen werden.«⁷

Die erste Aufführung von »Faust. Eine Tragödie« war ein sehr eingeschränktes Unternehmen: eine Aufführung von nur wenigen Szenen, und noch dazu eine nichtöffentliche. Gleichwohl ging von ihr und ihrem Umfeld eine große Wirkung aus. Zelter berichtete seinem Freund Goethe schon von der ersten »Faust«-Lesung am 31. März 1816: »Der Effekt des Gedichts auf fast lauter junge Zuhörer, denen alles fremd und neu war, ist höchst merkwürdig, und sie können sich nicht genug wundern, dass das alles gedruckt steht. Sie gehn hin und sehn ins Buch, ob’s denn wirklich so dasteht. Dass es wahr ist, fühlen alle, und es ist, als sie sich erkundigten, ob die Wahrheit wahr ist.«⁸ Noch erfreulicher war Zelters Fazit nach den über mehrere Jahre sich hinziehenden Lesungen und Proben, bei denen zahlreiche Personen erstmals mit dem »Faust«-Text in Berührung kamen: »Die Sensation unserer ersten Versuche, seit zehn Jahren hatte bis heute einen Bittergeschmack, der in Einzelheiten und Worten seinen Grund hatte. Einige konnten darüber nicht wegkommen, bissen die Lippen und konnten nicht begreifen, wie man öffentlich nennen könne, was sie sich genug schuldig wissen. Daher mussten (als anstößig empfundene, H. H.) Worte mit andern vertauscht und vertuscht werden. Nun fangen sie schon an, die rechten Worte zu vermissen, und eine Dame ließ sich gestern vernehmen: Da man so viel sage; so sei nicht zu begreifen, wie man nicht alles sage, was geschrieben steht (…), nun wollen sie alles wissen und alles haben, indem sie ihn (Faust, H. H.) alle lesen und wieder lesen (…). Wenn Radziwills Komposition auch gar kein eignes Verdienst hätte, so würde man ihm zugestehen müssen: dies bisher im dicksten Schatten verborgen gewesene Gedicht ans Licht zu bringen.«⁹

Klingemanns Fassung

Ein vielversprechender Anfang war gemacht. Es dauerte zehn Jahre, bis er eine Fortsetzung fand. »Faust. Eine Tragödie« galt als Lesedrama und als ideale Vorlage für Illustrationen, aber nicht für die Bühne gemacht. Den Bann brach Dr. August Klingemann, Direktor des Herzoglich Braunschweigischen Hoftheaters. Karl II., Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, hatte am 31. Oktober 1828 im Hoftheater »Faust. Dramatische Legende in fünf Akten« von Klingemann gesehen. Als er erfuhr, was er nicht wusste, dass Goethe auch einen »Faust« geschrieben hatte, wollte er diesen auch sehen. Der Theaterdirektor erhielt den Befehl »Wird aufgeführt. Karl« und musste gehorchen. Der Sohn des Braunschweiger Mephisto-Darstellers Heinrich Marr überlieferte in einem späteren Bericht die näheren Umstände: »So gratulierte Marr Klingemann zu dem Ereignis und dem Ruhme, der Bearbeiter des Goethe’schen ›Faust‹ zu werden. Der ängstliche Klingemann aber zitterte noch immer vor dem Wagnis. Er schrieb an Goethe nach Weimar einen unterwürfigen ausführlichen Brief, in welchem er seiner Exzellenz den Willen des Herzogs mitteilte, aber hinzufügte, er, Klingemann, könne aus Pietät und Verehrung vor dem Dichter die Sache nicht vorsichtig genug anfassen und ersuche deshalb Exzellenz von Goethe um seine gütigen Winke und Andeutungen, wie das Werk in seinem, des Dichters, Sinne darzustellen sein dürfte (…). Nach beinahe vierzehn Tagen erst traf die Antwort Goethes ein; der Brief, den wir selbst seiner Zeit gelesen haben, ist leider verlegt worden. Er lautete übrigens fast wörtlich: ›Euer Wohlgeboren! Die Antwort auf Ihr Schreiben vom 4. November, dass meine Werke im Druck erschienen und Gemeingut des Publikums geworden sind. Ich füge hinzu, dass ich mich seit langer Zeit gar nicht mehr um das Theater bekümmere, machen Sie daher mit meinem ›Faust‹, was Sie wollen! Von Goethe.‹«¹⁰

Dass dieser Brief geschrieben wurde, muss bezweifelt werden; denn im Goethe-Briefrepertorium ist er nicht verzeichnet. Wie dem auch sei. Klingemann machte sich sofort ans Werk und schuf eine Strichfassung, die dem »Faust« den Weg auf die deutschen Berufstheater eröffnete. Nach der Uraufführung am 19. Januar 1829 und der begeisterten Aufnahme durch das Publikum schrieb Klingemann am 20. Januar an Goethe: »Wenn ich es wagte, Ew. Exzellenz ›Faust‹ auf die Bühne zu bringen, so wird das untertänig angelegte Programm mich mindestens vor dem Vorwurfe vertreten, durch irgend eine verwegene und tadelnswürdige Beimischung dieses mächtigste Originalwerk deutscher Art und Kunst verletzt zu haben. Gestern war die Darstellung auf dem Herzogl. Hoftheater hierselbst, und sie entsprach mit ihrem Erfolge den gespanntesten Erwartungen so sehr, dass am Schluss die drei Darsteller der Hauptrollen einstimmig hervorgerufen wurden.«¹¹

Klingemann ging bei seiner Bearbeitung von der Voraussetzung aus, dass die Aufführung nicht länger als vier Stunden dauern dürfe. Folglich strich er Szenen, die aufwendige Umbauten erforderten, wie »Prolog im Himmel«, »Gretchens Stube«, »Am Brunnen«, »Walpurgisnacht« und »Nacht. Offenes Feld«. Er änderte Schauplätze, um Szenen zusammenziehen zu können. Er verkürzte die Monologe des Gelehrten Faust auf ihren wesentlichen Gehalt so, dass dessen innere Entwicklung erkennbar war. Insgesamt blieben in Klingemanns Bühnenfassung von 4.612 Versen des originalen »Faust. Eine Tragödie« 3.600 erhalten. Als Regiebuch gedruckt und zum Verkauf angeboten trat diese Fassung ihren Siegeszug durch die deutschen Theater an. Die Bühnen in Dresden, Hannover, Leipzig und Stuttgart bedienten sich unverzüglich der Hilfestellung des Regiebuchs, um im Jahr des 80. Geburtstags von Goethe den »Faust« zu geben. Auch Weimar wollte nicht nachstehen und bereitete für den Geburtstag eine eigene Aufführung auf der Grundlage des Braunschweiger Regiebuchs vor. Die Hauptarbeit bei der Einrichtung leistete Sekretär Riemer. Goethe ließ ihn gewähren, behielt sich jedoch vor, beim Einstudieren der Rollen, bei den Kostümen und bei der Musik seine Meinung zu sagen. Der Aufführung selbst blieb er fern. Das Tagebuch vom 29. August 1829 vermerkt lakonisch: »Abends allein. Aufführung von Faust im Theater«.¹²

Wie Goethe den Umgang des Theaters mit seinem »Faust« beurteilte, erfährt man am besten aus einem Brief vom 2. September 1829 an den Leipziger Kritiker Friedrich Rochlitz, der ihm ausführlich die Leipziger Aufführung in der Einrichtung durch Ludwig Tieck beschrieben hatte: »Nun aber verpflichtenden Dank für die ausführliche Kenntnis, die Sie mir von der Aufführung Fausts geben. Es ist wunderlich genug, dass diese seltsame Frucht erst jetzt gleichsam vom Baume fällt. Auch hier hat man ihn gegeben, ohne meine Anregung, aber nicht wider meinen Willen und nicht ohne Billigung der Art und Weise, wie man sich dabei benommen. Mögen Sie mir die Folge der Szenen, wie man dort beliebt, gelegentlich wissen lassen, so geschieht mir ein Gefallen; denn es ist immer wichtig zu beobachten, wie man es angegriffen, um das quasi Unmögliche, zum Trutz aller Schwierigkeiten, möglich zu machen. Liebenswürdig ist es von den Deutschen, dass sie das Werk nicht zu entstellen brauchten, um es von dem Theater herab erdulden zu können. Die Franzosen mussten es umbilden und an die Sauce noch starkes Gewürz und scharfe Ingredienzien verschwenden. Nach der Kenntnis, die uns davon gegeben ist, kann man begreifen, wie das Machwerk dort große Wirkung tun musste.«¹³

Bearbeiten und kürzen

Mit dem Erscheinen von »Faust. Der Tragödie zweiter Teil« 1832 nach Goethes Tod verschärfte sich das Problem der Inszenierung nochmals gravierend. Am Umgang des Theaters mit seinem »Faust«, wie ihn Goethe sich wünschte, änderte sich damit nichts: »Faust« kann und muss für das Theater bearbeitet werden. Der Text kann und muss gekürzt werden.

Die Bearbeitung sollte nur nicht das Werk entstellen. Wie in der langen Geschichte der »Faust«-Aufführungen diese Vorgaben beachtet wurden, kann hier nicht verfolgt werden. Festzustellen ist nur, dass im Theater der Gegenwart eindeutig das Entstellen die Oberhand gewonnen hat. Beispielhaft seien nur genannt die »Faust«-Inszenierung von Einar Schleef am Schauspiel Frankfurt am Main 1990 und die Inszenierung der beiden Teile des »Faust« durch den »Meister der Konzentration« Michael Thalheimer 2004 und 2005 am Deutschen Theater Berlin. Was da als »Faust« aufgeführt wurde, hat mit einer sinnvollen zeitgemäßen Aneignung eines literarischen Kunstwerks der Vergangenheit kaum noch etwas zu tun. Es ist vielmehr dessen Zerstörung.

Anmerkungen:

S 12.jpg
Der Erdgeist erscheint Faust zu Beginn der Tragödie im Studierzimmer des Gelehrten – Zeichnung Goethes (1810/12)

1 Goethes Werke, hg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt. IV, Bd. 21, Weimar 1896, S. 419 (im folgenden WA)

2 WA IV 25, 293

3 WA I 36, 88

4 Goethes Briefwechsel mit seinem Sohn. Hg. v. Gerlinde Ulm Sanford, 2 Bde, Weimar 2005, Bd. 1, S. 408 f.

5 A. a. O., Bd. 1, S. 411 f.

6 Carl Graf Brühl an Goethe, 26. Mai 1819, Goethe-und-Schiller-Archiv, 28/32, Blatt 155 f.

7 Goethe an Carl Graf Brühl vom 2. Juni 1819, WA IV 31, 163 f.

8 Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, 21 Bde., München 1987, Bd. 20.1, S. 406

9 Zelter an Goethe, 25. Mai 1820, ebd., S. 609 f.

10 Wilhelm Marr: Wie Goethes Faust auf die Bühne kam. In: Die Gartenlaube (1875), S. 695

11 August Klingemann an Goethe, 20. Januar 1829. In: Braunschweigisches Magazin (1929), Nr. 4, Spalte 51

12 WA III 12, 119

13 WA IV 68 f.

Heinz Hamm, Jahrgang 1944, wurde 1972 über Goethe promoviert und lehrte an den Universitäten Halle, Paris, Warschau und Jena. 2013 veröffentlichte er die ideologiekritische Schrift »Der falsche Zeuge. Irrwege der Goethe-Forschung« im Berliner Aurora-Verlag. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 30. Juni/1. Juli 2018 über Peter Hacks’ Versuch, ein Drama über Walter Ulbricht zu schreiben.

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