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Aus: Ausgabe vom 20.05.2019, Seite 5 / Inland
Fernverkehr

Flix nach Köln

Privater Anbieter eröffnet neue Zugstrecke. Bund investiert Milliarden in marode Infrastruktur
Von Efthymis Angeloudis
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Grün gegen rot. Für viele Passagiere kommt es auf den Preis an

Am heutigen Montag morgen um acht Uhr startet die neue Zugverbindung zwischen Köln und Berlin des privaten Anbieters Flixtrain. Es ist die dritte Strecke des Deutsche-Bahn-Konkurrenten neben Köln–Hamburg und Berlin–Stuttgart. Der Preis eines Tickets ist, wie der Anbieter selbst angibt, »bahnbrechend günstig«. Besonders einfallsreich ist der Spruch nicht, wohl aber zutreffend: Mit 9,99 Euro ist Flixtrain um ein Vielfaches günstiger als die DB – einziger Nachteil: Die Fahrt dauert länger. Für die Passagiere, die die Wucherpreise der Bahn satt haben, ist das überhaupt kein Pro­blem. Das zeige auch die wachsende Nachfrage: »Wir haben 2018 unser Ziel von 500.000 Kunden deutlich übertroffen«, sagte der Geschäftsführer von Flixtrain, Fabian Stenger, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Die grün gestrichenen Züge gehören dem Unternehmen Flixmobility, das binnen weniger Jahre mit Flixbus zum Branchenprimus in Europa geworden ist und in Deutschland einen Marktanteil von 94 Prozent des Fernbusverkehrs hat. Seit diesem Sommer ist das Unternehmen auch in den USA am Start. Der Firmenwert wird auf eine Milliarde Euro geschätzt. Zu den Investoren des Bus- und Bahnanbieters gehört neben den US-amerikanischen Risikokapitalgebern General Atlantic und Silver Lake Partners auch die Holtzbrinck-Gruppe.

Vor fünf Jahren hatte der gesamte Linienfernbusmarkt Deutschlands lediglich rund acht Millionen Kunden, heute sind es rund 25 Millionen. Dabei besitzt Flixbus selber nur einen einzigen Bus. Es ist kein Busunternehmen, sondern, ähnlich wie Uber, ein Anbieter.

Die Methode des Preisdumpings, um die Konkurrenz auszuschalten, hat das Unternehmen aus München bereits im Busverkehr erprobt. Nun will es auch den Schienenverkehr aufmischen. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Die Infrastruktur der Bahn wurde jahrelang vernachlässigt. Immer mehr Brücken sind so marode, dass eine Reparatur nicht mehr möglich oder unwirtschaftlich ist.

Etwa 25.000 Eisenbahnbrücken unterschiedlicher Ausführung und verschiedenen Alters betreibt die Deutsche Bahn. Über 9.000 davon sind mehr als 100 Jahre alt. Für die größte Sanierungsoffensive ihrer Geschichte stehen der Deutschen Bahn von 2015 bis Ende dieses Jahres 28 Milliarden Euro für Gleise und unter anderem auch Brücken zur Verfügung, wie ein Sprecher in einer Mitteilung erklärte. 875 Brücken bundesweit sollen in dem Zeitraum saniert werden, 770 waren Ende vergangenen Jahres bereits erneuert. Das Geld dafür kommt vom Bund.

Profitieren wird von diesen Investitionen außer der Deutschen Bahn aber auch Flixtrain. Dennoch wird es schwer für den Anbieter, einen ähnlichen Höhenflug wie in der Busbranche hinzulegen. Manche hochbelastete Gleise haben kaum Platz für zusätzliche Züge. Und mehr Strecken bedeutet mehr Waggons, die erst gekauft werden müssen.

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