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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 15 / Geschichte
Faschismus

Lametta vom Führer

Für Volk und Vaterland: Vor 80 Jahren verliehen die Nazis zum ersten Mal das »Ehrenkreuz der deutschen Mutter«
Von Ronald Weber
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Kanonenfutter für den Krieg – die Nazis dankten es mit dem Mutterkreuz (Aufnahme vom 13.8.1943)

»Wir sind wirklich keine Verbrecher«, empörte sich 1941 eine elffache Mutter gegenüber dem Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann. Warum, so fragte sie sich, war sie bisher bei der Auszeichnung mit dem »Ehrenkreuz der deutschen Mutter« unberücksichtigt geblieben? Schließlich lägen »Erbkrankheit, Gefängnis, Zuchthaus, Staatsfeindliches, Alkoholmissbrauch« in der Familie nicht vor.

Weit mehr als vier Millionen Frauen hatten das blaue Kreuz mit dem weißen Rand, in dessen Mitte ein Hakenkreuz prangte, zu diesem Zeitpunkt bereits erhalten – und trugen es vielfach mit Stolz. Das Vorschlagsrecht hatten Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter, aber auch andere Naziorganisationen wie der Reichsbund der Kinderreichen und Privatpersonen konnten Mütter mit mehr als vier Kindern für die Auszeichnung, die in drei Abstufungen verliehen wurde (Bronze: vier bis fünf Kinder, Silber: sechs bis sieben und Gold: acht und mehr), nominieren. Sodann folgte eine eugenische, »rassische« und politische Überprüfung durch Ärzte und Fürsorgerinnen. Schließlich sollte sichergestellt sein, dass die Trägerinnen des Ehrenkreuzes gemäß der Nürnberger Gesetze »deutschblütig« und »erbtüchtig« waren; auch Mütter »asozialer Großfamilien« sollten außen vor bleiben, wie es in einem internen Merkblatt der NSDAP vom Februar 1939 hieß. Wer die Auszeichnung also nicht erhielt – das waren etwa fünf Prozent aller Vorgeschlagenen – oder sie im Nachhinein aufgrund »unwürdigen« Verhaltens (z. B. Kontakt mit Zwangsarbeitern) wieder aberkannt bekam, musste Maßnahmen wie etwa eine Sterilisation fürchten, einen Eingriff, den zwischen 1934 und 1944 etwa 400.000 Frauen über sich ergehen lassen mussten, und von denen mehr als 5.000 an den Folgen starben.

Es waren vor allem bürgerliche Frauen, die mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet wurden. Proletarische Mütter wurden weitaus seltener vorgeschlagen bzw. öfter abgelehnt, weil ihre Familienverhältnisse nicht dem von den Gutachtern vertretenen Familienideal entsprachen. So zeigte sich in der Vergabepraxis eine deutliche Klassenteilung.

»Abkindern«

Ähnliche bevölkerungspolitische Maßnahmen gab es auch in anderen Staaten. Frankreich hatte schon 1920 die »Médaille de la Famille« eingeführt, und auch in der Sowjetunion wurde später, 1944, ein Mutterruhmorden an kinderreiche Frauen verliehen. Eine Zugehörigkeit zur »Volksgemeinschaft« oder ein Beitrag zur »biologischen Aufrüstung« wie im deutschen Fall wurde damit allerdings nicht angezeigt. Im Gegensatz zu solchen Auszeichnungen steht das erstmals 1939 anlässlich des Muttertags als »Gabe des Führers« verliehene Mutterkreuz sinnbildlich für die faschistische Frauenpolitik. »Was der Mann an Opfern bringt im Ringen seines Volkes, bringt die Frau an Opfern im Ringen um die Erhaltung dieses Volkes in den einzelnen Zellen. (…) Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für das Sein oder Nichtsein ihres Volkes«, hatte Adolf Hitler 1934 vor der NS-Frauenschaft ausgeführt. Angesichts einer stetig sinkenden Geburtsrate leiteten die Nazis von Beginn ihrer Herrschaft zahlreiche Maßnahmen ein, um Frauen zur Geburt möglichst vieler Kinder zu bewegen. Als wirksamstes Instrument erwies sich hierbei die Verdrängung der Frauen aus dem Arbeitsleben. So sah das im Juni 1933 erlassene »Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit« Darlehen für Eheschließungen von bis zu 1.000 Reichsmark vor, wenn die Frau ihre Arbeit aufgab. Die Höhe der zurückzahlenden Summe wurde schrittweise bei der Geburt eines Kindes verringert: pro Kind ein Viertel. Man sprach daher landläufig von »Abkindern«. Im April 1934 wurden zudem alle Beamtinnen, die durch ein weiteres Familieneinkommen abgesichert waren, entlassen. Auch aus den Hochschulen verdrängte man Frauen mittels einer Zehn-Prozent-Quote.

Der Frauenanteil an den Arbeitern und Angestellten ging infolge dieser Maßnahmen von 35,4 Prozent im Jahr 1933 auf 31,3 Prozent im Jahr 1936 zurück. Die absolute Zahl der Arbeiterinnen und Angestellten verringerte sich aber nicht, und bald stieg auch der Anteil der Frauen wieder an. Vor dem Hintergrund ihrer Kriegspläne standen die Nazis vor einem nicht zu lösenden Widerspruch: Zum einen wollten sie die Frauen auf die Funktion einer arischen Gebärmaschine festschreiben, zum anderen brauchten sie für ihre forcierte Aufrüstungspolitik, die mit dem Vierjahresplan 1936 einsetzte, weibliche Arbeitskräfte. Dementsprechend wurden 1937 die Bestimmungen für die Ehestandsdarlehen verändert: Frauen konnten nunmehr auch nach der Eheschließung weiterarbeiten. Nach und nach stellten die Nazis in ihrer Propaganda dem Bild der treusorgenden, über Heim und Herd gebietenden deutschen Mutter dasjenige der für den Sieg in der Rüstungsproduktion schaffenden Arbeiterin an die Seite.

Hinsichtlich der Geburtenrate waren die gesetzlichen Maßnahmen zunächst erfolgreich. 1934 hatte jede Frau im Durchschnitt noch 1,8 Kinder bekommen, 1939 waren es 2,4. Eine wirkliche Trendwende bedeutete das trotzdem nicht. In dem Maße, in dem Kinder für die Altersversorgung eine immer geringere Rolle spielten, war die Geburtenrate seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach gefallen, das konnten auch die Nazis nur kurzfristig rückgängig machen. Mit Beginn des Weltkrieges sank die Zahl des so dringend benötigten Kanonenfutters wieder rapide ab.

Symbolische Aktion

Die Einführung des Mutterkreuzes blieb also mehr eine symbolische Aktion. Weitere Geburten wurden dadurch kaum gefördert. Viel wichtiger scheint die Zugehörigkeit, die damit angezeigt wurde, wie die eingangs zitierte Zuschrift an den Hamburger Gauleiter zeigt.

Im Laufe des Krieges, als neben den massenhaft aus ganz Europa verschleppten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auch immer mehr »arische« Frauen in der Rüstungsindustrie arbeiteten – bereits 1940 wurde ein »freiwilliger Ehrendienst der Frauen in der Kriegswirtschaft« eingeführt und ab 1942 gab es Arbeitsverpflichtungen für alle Frauen vom 17. bis zum 45. Lebensjahr (allerdings mit zahlreichen Ausnahmen für bürgerliche Frauen) –, wurde das Mutterkreuz auch zum Mittel kleiner Vorteile. So bekamen dessen Trägerinnen mitunter drei Tage zusätzlichen Urlaub und weitere drei, wenn ein Sohn zum Urlaub von der Front kam. Mit der steigenden Zahl toter Söhne schwand das Prestige der Auszeichnung aber mehr und mehr. Bald berichteten die Nazibehörden intern von Fällen, in denen erboste Frauen das Ehrenkreuz zurückgaben.

In der Bundesrepublik ist das Tragen des Mutterkreuzes nach Paragraph 86 des Strafgesetzbuches (Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen) verboten. Seit 1949 existiert aber eine Ehrenpatenschaft des Bundespräsidenten für das siebte Kind einer Familie. Der Antrag kann selbst gestellt werden. Eine Gelegenheit, die, wie man hört, kinderreiche Neonazifamilien besonders gern wahrnehmen.

Die Verehrung des Muttertums, die im deutschen Wesen tief wurzelt, die insbesondere auch ein festes Band inniger Verbundenheit von Front und Heimat bildet, erhielt damit (mit der Stiftung des Mutterkreuzes, R. W.) zum ersten Male in der Geschichte unseres Volkes weithin sichtbare Sanktion durch das Reich. (…)

Eine mit dem goldenen Ehrenkreuz beliehene Mutter, Frau Antonie L. aus A., mag hier für alle sprechen, wenn sie in ihrem Dankbrief schreibt: »Geliebter Führer! … Meine Freude darüber ist so groß, dass ich sie in Worten nicht genug auszusprechen vermag. Darum wünsche ich, dass die junge Generation sich ein Beispiel an uns kinderreichen Müttern nehmen möge. Dann wird auch unser Großdeutsches Reich stark und groß bleiben …« Der schlichte Dank dieser Mutter ist eine verpflichtende Mahnung an die noch Kommenden. Sie auszusprechen sind gerade im Kriege die fünf Millionen Trägerinnen des Mutter-EK berufen. Denn sie haben sich um die Voraussetzungen des Sieges ebenso verdient gemacht wie ihre Gatten und Söhne, die sich mit der Waffe in der Hand das soldatische EK erwarben.

Völkischer Beobachter, 16.12.1943

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