Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 11 / Feuilleton

Aufklärung eines populären Irrtums

Ein Alptraum für Fortgeschrittene
Von Wiglaf Droste (1961–2019)
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Die Binsenweisheit, dass Betrunkene die Wahrheit sagen,
trifft zu, doch gilt sie nur bei Amateuren.
Trink-Profis trinken, weil sie’s nicht ertragen,
dass sie nicht zu sich selbst und damit auch zu keinem sonst gehören.

Statt dessen wollen sie sich laut Gehör verschaffen,
auf eine Art, die niemand, auch sie selbst nicht, hören will.
Sie machen sich zur Wurst, zur Nuss, zum Affen.
Im Wissen, es wär’ besser, sie wär’n still.

Doch unter Zwang beleidigen sie und verletzen
Gefühle derer, die es unverhofft und gänzlich unverdient dann trifft.
Sie schätzen sich gering und wissen and’re nur gering zu schätzen.
Ach hätten sie, allein und friedlich, in Ruhe mit sich selbst doch nur gekifft.

Doch »hätte« hilft in diesem Zustand nicht, und man tut nur das, was man kann.
Man prügelt, die man liebt, mit Worten, besudelt die geliebte Sprache noch gleich mit.
Und kann nicht aufhör’n, denn der Dämon sitzt im Sattel, feuert an,
und aus dem Maul geword’nen Mund rinnsalt nichts außer Shit.

Dann brechen sie zusammen. Und werden, leer und ausgehöhlt, dann wieder wach,
und schämen sich knietief und beinahe zu Tode, und hoffen auf’s Vergehen ihrer Zeit.
Die Schuldgefühle, rattenrudlig, grinsen sie an, denn sie sind so erbärmlich schwach.
Und sie verfluchen sich: »O Gott! Ich Arsch, ich Vollidiot! Es tut mir alles schrecklich leid!«

Und meinen das, ernüchtert, ganz genau so, wie sie’s sagen.
Und können sich danach noch weniger als vorher schon ertragen. –
Dies zu dem Unterschied zwischen den mal Trunkenen und echten Trinkern.
Er ist nicht kleiner als der zwischen den Olympialäufern und den Hinkern.

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