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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Verplemperte Würde

Der PEN zecht ...

... aber er schämt sich nicht. Eine große Stunde der Staatsbürgerkunde
Von Otto Köhler
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Kollegen, es wird würdelos: Immerhin die Tropfen vom deutschen Rheinbogen enttäuschten nicht

Ach, ich bin mutmaßlich das gescheitertste Mitglied, das der PEN je hatte. Wieder einmal wurde auf der Jahrestagung des deutschen Zweiges der Internationalen Autorenvereinigung (9.–12. Mai in Chemnitz) ein Antrag von mir geschlossen abgelehnt. Ein sicherlich notwendiges Ritual, das sich in den letzten zwei Jahrzehnten eindrucksvoll entwickelt hat. Vor einiger Zeit hat die damalige Generalsekretärin und jetzige Präsidentin, Regula Venske, in diesem Blatt erklärt, dass der deutsche PEN sich nicht scheue, deutsche Politik zu kritisieren und jegliche Kriegspropaganda abzulehnen. Das müsste ich wissen, meinte sie und verschleuderte damit – wie wir seit letztem Wochenende wissen – die »Würde« des deutschen PEN.

Regula Venske war bei unserem letzten Krieg zur Zerschlagung Jugoslawiens noch nicht dabei. Damals stellten der gerade aus dem Amt geschiedene PEN-Präsident Christoph Hein und ich einen Antrag, die Kriegspropaganda in der deutschen Presse zu rügen. Unser damaliger Generalsekretär Johano Strasser beteuerte, sein (Partei-)Freund, der Minister für Verteidigung Rudolf Scharping (SPD), habe ihm glaubhaft versichert, dass ein Massaker von Racak tatsächlich stattgefunden habe. Auch der »Hufeisenplan« der Serben sei keine Erfindung westlicher Propaganda gewesen. Er stellte Antrag auf Nichtbefassung – das Mittagessen werde sonst kalt. Der Deutsche PEN löffelte gegen neun Stimmen seine Suppe heiß.

Und so lief das nahezu Jahr für Jahr. 2014 wollte ich, dass wir, in Erinnerung an Versagen der deutschen Intellektuellen von 1914, beschließen »Wir weigern uns, in den Dienst jeglicher Kriegspropaganda zu treten«. Präsident Josef Haslinger erhob sich: Das gehe ohnedies aus unserer Satzung hervor. Antrag abgelehnt. Zugleich wurde ein Medientrainer in den PEN aufgenommen und unterschrieb diese Satzung.

2015 forderte ich, die »Mitgliedschaft im PEN ist nicht vereinbar mit einer Tätigkeit als Medientrainer an militärischen Einrichtungen wie der für psychologische Kriegführung zuständigen Akademie der Bundeswehr«. Weil ich über dieses Mitglied, das auch Offiziere im Umgang mit Journalisten ausbildete, zuvor in der jungen Welt unter Nennung des Namens geschrieben hatte, beschloss der deutsche PEN: Mein Vorgehen schädige »nicht nur das Ansehen eines einzelnen PEN-Mitglieds, sondern des gesamten PEN. Die Mitgliederversammlung missbilligt schärfstens dieses Vorgehen.« Ein Ehrenrat bestätigte dem Medientrainer seine Ehrbarkeit. Doch der hatte ein Einsehen und trat aus.

Seither werden meine Anträge Jahr für Jahr nicht immer – wie es sich gehört – »schärfstens«, aber doch missbilligt. Dieses Jahr wollte ich, dass wir uns schämen. Für die Bundeskanzlerin. Sie hatte den Griechen, die neben der Sowjetunion am meisten unter Wehrmacht und SS gelitten hatten, bei einem Staatsbesuch versichert: »Alles in allem dürfen Sie davon ausgehen, wir sind uns unserer historischen Verantwortung bewusst, wir wissen auch, wieviel Leid wir über Griechenland gebracht haben.« Als das griechische Parlament da von Wiedergutmachung, von Reparationen sprach, ließ Angela Merkel durch den Regierungssprecher erklären: »Die Frage nach deutschen Reparationen ist juristisch wie politisch abschließend geregelt«. (Wie das von Hermann Josef Abs, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der IG Auschwitz zugunsten des deutschen Wirtschaftswunders gestaltet wurde, siehe Serie »70 Jahre Grundgesetz«, Folge 9, jW 10. Mai 2019). Mit meinem Antrag wollte ich erreichen, dass wir, der Deutsche PEN, Griechenland, dem wir unsere Kultur verdanken, für unsere Regierung um Entschuldigung bitten.

Am Abend zuvor war kistenweise Wein ausgeschenkt worden. Nicht aus Griechenland, sondern vom deutschen Rheinbogen. Ich habe, ahnungslos, mitgetrunken. Der edle Spender: unser Mitglied Kurt Roessler, ehemals Nuklearchemiker am Forschungszentrum Jülich und Honorarprofessor für Kosmochemie an der Universität Münster. Aber auch seine literarischen Qualitäten sind unbestritten. »Hemmericher legt Buch über das Vorgebirge vor«, verkündete der Generalanzeiger Bornheim: »Wer sich bisher in der Verteidigung der Qualitäten des Vorgebirges auf weiter Flur eher einsam sah, findet nun in einem Buch des Hemmericher Astrochemikers, Autors, Verlegers und Weinbauern Kurt Roessler einen liebevollen Unterstützer«.

Am Morgen nach dem Ausschank waren wir alle wohlgestimmt. Mein Antrag, uns für unsere Regierung zu schämen, wurde behandelt. Ich sprach dafür, der Weinbauer dagegen. Seine Rede war eine große Stunde der Staatsbürgerkunde: Über solche Dinge wie Reparationen und Wiedergutmachung zu sprechen, sei Sache der Regierung und der Politiker. Uns dagegen, den Deutschen PEN gingen solche Dinge nichts an. Wer für den Antrag stimme, »verplempert die Würde des PEN«.

Eine weitere Diskussion ließ das Tagungspräsidium nicht zu. Keines der anwesenden Mitglieder wollte unsere Würde verplempern. Alle stimmten gegen meinen Antrag. Noch berauscht, hätte ich beinahe versäumt, selbst meine Hand zu heben, für die Forderung, uns zu schämen.

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