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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

It’s all over now, Baby Blue

»Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja – warum dauert es so lange?« Ein Dokfilm zeigt den Untergang des Hauses Castorf
Von René Hamann
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»Well, strike another match / Yeah, go start new, go start new«: Glanz, Ruhm und Glamour der Ära Castorf sind Geschichte

Neulich lief schon einmal eine Doku über die Volksbühne unter der Ägide von Frank Castorf. »Partisan« hieß die, in der Mediathek findet sie sich leider nicht mehr. Der Film von Lutz Pehnert, Matthias Ehlert und Adama Ulrich ist chronologisch aufgebaut, immer wieder kommen entscheidende Protagonistinnen und Protagonisten zu Wort, die auf dem großen, urlangen Sofa im Foyer der Volksbühne interviewt worden waren. Herbert Fritsch äußert sich mehrfach und gern kritisch, Martin Wuttke und Lilith Stangenberg sagen viel zum sozialen Leben im Theater, aber auch Bühnenarbeiter und Beleuchter etc. kommen nicht zu kurz. Am Ende sagt auch der Meister selbst etwas.

In Andreas Wilckes Film, »Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja – warum dauert es so lange?«, der am Mittwoch Premiere feierte und seit Donnerstag in ausgewählten Berliner Kinos läuft, wird auf Interviews gänzlich verzichtet. Die Protagonisten aber gleichen sich: Die Mitarbeitenden der Volksbühne, die Beschäftigten der Werkstätten, die Schauspielerriege, der Meister selbst. Sie werden bei der Arbeit gezeigt. Alexander Scheer singt den Popklassiker »It’s all over now, Baby Blue« auf der Probe, Georg Friedrich vermisst seine Unterhose, fleißige Hände nähen bunte Kleider, studentische Aushilfen schrubben die Böden, ein Panzer aus Holz rollt durch die Werkstatt, die unfassbare Kathrin Angerer schlägt die Beine übereinander und raucht eine, Sophie Rois ist Sophie Rois, und Daniel Zillmann läuft auch immer mal wieder durchs Bild. Das Ende ist in fast jeder Szene spürbar.

Der Film begleitet die Inszenierungen der letzten Jahre, konzentriert sich aber völlig auf die Arbeiten Castorfs. Es gibt Aufnahmen von Gastspielen, die vielleicht in Paris oder Athen stattfanden; viel mehr als ein Backstage-Zelt und weiße Plastikstühle, auf denen sich Regisseur und Ensemble räkeln, sieht man nicht. Entscheidender sind die Ausschnitte aus den eigentlichen Volksbühne-Produktionen – vor allem »Der Spieler«, »Der Geizige« und schließlich »Faust«. Hier gibt es viel zu sehen: die Mühen, die Arbeit, den Humor, das Bewusstsein, den Dreh. Was für ein Gigant des Theaters Frank Castorf war und ist. Einige Szenen kennt man, weil man sie sich damals im Theater angeschaut hat, andere erkennt man aus der RBB-Produktion wieder. Überhaupt müssen sich die beiden Filmteams öfter über den Weg gelaufen sein. Die Bilder gleichen sich.

Doch nur in Wilckes Film sieht man Chris Dercon. Zweimal darf sich der unglückliche Castorf-Nachfolger aus Belgien vor versammelter Mannschaft erklären, einmal bei einer Mitarbeiterversammlung, einmal auf einem öffentlichen Podium. Selbstredend hat Wilcke hier mittels Schnitt eingegriffen. Aber man sieht und hört auch so das ganze große Missverständnis, das vielleicht absichtlich durch den zurecht in der Versenkung verschwundenen sozialdemokratischen Kulturpolitiker Tim Renner mitverursacht wurde: Dercon gibt Sprechblasen von sich, die in einem neoliberalen Kulturkontext funktionieren, im ideologischen »Stahlbad« der Volksbühne aber als hohle Floskeln kenntlich werden müssen.

Doch der Verrat wurde begangen, der Untergang des Hauses Castorf eingeleitet. Derzeit erholt sich die Volksbühne unter dem Interregnum Klaus Dörrs von den schrecklichen Ereignissen des Sommers 2017. Frank Castorf und die anderen großen Regisseure – das Patriarchale, das Castorfs Volksbühne auch immer hatte, wird von beiden Dokumentarfilmen weitgehend ausgeblendet – inszenieren jetzt fleißig an anderen Häusern, mit gemischtem Erfolg. Die Show geht weiter. Diese großen Zeiten der Volksbühne sind unwiderruflich vorbei. Durch Wilckes schönen, gut montierten Film kann man noch einmal in den Glanz, Ruhm und Glamour der Ära Castorf eintauchen. Schön war’s.

»Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja – warum dauert es so lange?«, Regie: Andreas Wilcke, BRD 2019, 102 min., bereits angelaufen

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