Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Montag, 27. Mai 2019, Nr. 121
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 2 / Feuilleton
Medien und Manipulation

»Es werden virtuelle Ängste erzeugt«

Früher wurden Bilder gefälscht, heute wird im Internet Realität inszeniert. Ein Gespräch mit Ekkehard Sieker
Interview: Arnold Schölzel
Situation_Silvester_51809878.jpg
Silvester 2015 in Köln: »Wer das Stichwort sagt, hat schnell Bilder dazu im Kopf«

Vor Jahren rieten Sie Fernsehzuschauern: »Trau keinem Bild, schon gar nicht in Kriegszeiten.« Bekräftigen Sie das heute?

Selbstverständlich, gerade angesichts des völlig unkritischen Verständnisses von Digitalisierung.

Was verstehen Sie darunter?

Digitalisierung ist, wenn man ein endliches Alphabet nimmt und damit Worte und Sätze herstellt, die einen Inhalt kodieren. Es ist ziemlich egal, ob das mit den Ziffern 0 und 1 oder mit gedruckten Buchstaben geschieht. Digitalisierung führt in unserer Lebenswirklichkeit aber zu einer immer weitreichenderen virtuellen Analogisierung auf der Bedeutungsebene.

Menschen ticken analog. Wir können diese analogen Bilder und Gedanken in unseren Köpfen auf die Realität zurückführen oder auf sie anwenden. Die massenhafte Nutzung von Computern, Tablets oder Smartphones ist nur möglich, weil deren Oberfläche graphisch – also analog – gestaltet wurde. Die Geräte hätten nie solch eine große gesellschaftliche Bedeutung gewonnen, wenn nicht ermöglicht worden wäre, dass Laien diese Geräte über Bilder und Graphiken bedienen. Computer sprechen uns als Augentiere an, erst recht, seitdem bewegte Bilder als zu vermittelnde Inhalte hinzugekommen sind. Die sind analog, aber bilden – und das ist das Entscheidende – oft genug eine zum großen Teil künstliche oder gar virtuelle Realität ab.

Früher kam mal hier und da eine Bildfälschung vor, jetzt ist vieles Fabrikation?

Richtig, fabrizierte Realität aller Art. Wer sich im Internet bewegt, merkt: Der Müll im Browser häuft sich, man ist entweder der ständig fabrizierten Werbungsrealität aller Art ausgeliefert oder verbringt einen Teil seiner Zeit damit, diesen Müll möglichst zu unterdrücken. Da viele Arbeits- und Freizeitprozesse unter Nutzung des Internets stattfinden, bedeutet das: Der Nutzer wird dort gleichsam mit fabrizierten Realitäten beschäftigt und mental sowie zeitlich blockiert.

Propagandistische Bildfälschungen wie im Irak-Krieg von 1991 oder den Jugoslawien-Kriegen der 1990er Jahre konnte man entlarven. Ist das heute möglich?

Es geht auch im Politischen immer mehr um inszenierte Realitäten. Heute werden aber nicht nur die Bilder geliefert, sondern auch deren Interpretation. Beispiel: Silvester 2015 in Köln. Wer das Stichwort sagt, hat schnell Bilder dazu im Kopf – sexuell anzügliche Übergriffe von Migranten, Ausländern, Nordafrikanern auf zumeist deutsche Frauen. Die Erzählung lautet: Die haben unsere Willkommenskultur missbraucht und kaputtgemacht, und damit hatte man einen Grund, ab 2016 die Migrations- und Asylpolitik erheblich zu verschärfen.

Ich wollte damals herausbekommen, was tatsächlich geschehen war. Es gab aber wenig belastbares Material für die erhobenen Vorwürfe. Ob alles überhaupt so stattgefunden hat, wie es in vielen Köpfen als Erzählung eingebrannt ist, ist bis heute offen.

Bei solchen Ereignissen werden medial inszenierte Narrative als Realitätsersatz dargeboten.

Es wird etwas ausgemalt, was noch nicht geschehen ist, aber virtuell durchaus möglich erscheint. Die ganze Migrations- aber auch Terrorismusdebatte lebt davon. Dazu die Erklärung, man müsse diese mögliche Tat verhindern, wir bräuchten neue Infrastrukturen, neue Gesetze, wir müssten wachsam sein und zuschlagen können. Es werden virtuelle Ängste erzeugt und dann Schutz durch Überwachung und Militarisierung der Gesellschaft angeboten. Das ist totalitär.

Was kann man tun?

Man muss erzählen, was ist – Aufklärung über gesellschaftliche Verhältnisse und vorherrschende Interessen. Man muss hinter die Fassade der Gesellschaft, hinter die Inszenierungen von neoliberaler Politik und Wirtschaft schauen. Debatten im Bundestag oder in Talkshows sind langweilig, weil der Neoliberalismus in all seinen Spielarten nicht als das dargestellt wird, was er ist: eine komplett irrationale, asoziale, antidemokratische und vor allem extrem rechte Wirtschaftsideologie – der fast alle Parteien folgen und die auch der Linken eingepflanzt werden soll. Es geht um totalitäre Marktideologie. Was heißt denn Privatisierung? Wegnehmen von öffentlichem Eigentum. Der Staat verarmt und wird gelähmt, um Menschen ungeschützt dem Markt ausliefern zu können. Das ist markttotalitär. Das ganze neoliberale Wirtschaftssystem ist ein Fehler.

Ekkehard Sieker ist Fernsehjournalist (»Monitor«, »Die Anstalt«) sowie Publizist und nimmt an der Podiumsdiskussion zu Medien und Manipulation auf der Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus am 8. Juni in Berlin teil

Ähnliche:

  • In Gewahrsam ohne relevanten Grund: Sandra Bland am 10. Juli 201...
    16.05.2019

    Say her Name

    Im Juli 2015 wurde die Black-Lives-Matter-Aktivistin Sandra Bland erhängt in ihrer Gefängniszelle gefunden. Dort hätte sie gemäß rechtsstaatlicher Grundsätze nie landen dürfen
  • Unterschrift erwünscht: Die Demonstration gegen den »Mietenwahns...
    10.04.2019

    Wohnungen für alle

    DGB und Mieterbund unterstützen Bürgerinitiative »Housing for all«. Gewerkschaften verfolgen Enteignungsdebatte mit »großem Interesse«

Mehr aus: Feuilleton