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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 15 / Feminismus
Finanzielle Misere

Auf der Verliererinnenseite

Altersarmut: Immer noch liegen die Renten von Frauen rund 60 Prozent unter denen der Männer. Wie Betroffene damit umgehen, zeigt das Buch »Kein Ruhestand«
Von Mona Grosche
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Jeden Cent drei Mal umdrehen: Discounter oder Tafel, das ist oft die Frage. (Archivbild, Leipzig, 2019)

Kohlrouladen aus Kohlrabiblättern, die es im Supermarkt kostenlos gibt, Kuchenbacken als Gegenleistung für kleine Reparaturen, das Beheizen nur eines Raumes im Winter – das sind nur einige Beispiele des Erfindungsreichtums, mit dem Rentnerinnen in Deutschland ihrer finanziellen Misere begegnen.

Insgesamt 50 Frauen im Alter von 60 bis 85 Jahren haben Irene Götz, Professorin für Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie fünf weitere Kulturwissenschaftlerinnen im Rahmen eines Forschungsprojekts über drei Jahre hinweg zu ihren Erfahrungen befragt. Die Frauen stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und haben recht verschiedene Erwerbsbiographien. Was sie aber dennoch eint, ist ihr knappes Budget, weswegen sie von einem sorglosen Ruhestand nur träumen können. Die Ergebnisse der Studie präsentieren die Wissenschaftlerinnen nun in dem Buch »Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen«.

Was darin berichtet wird, ist erschreckend, denn nicht nur Minirenten von 150 Euro lassen viele Frauen trotz aufstockender Grundsicherung im Alter in die Armutsfalle tappen. Auch eigentlich ganz anständige Renten sind für viele alleinlebende Frauen keine echte Absicherung vor dem sozialen Abstieg. Angesichts enormer Mietkosten in Großstädten wie Frankfurt am Main, Köln oder gar München bleibt vielen kaum Geld zum Leben. So etwa Ute, einer ehemaligen Altenpflegerin, die wegen berufsbedingter Erkrankungen mit Anfang 60 in Frührente gehen musste. Obwohl sie immer gearbeitet und eingezahlt hat, kann sie jetzt trotz einer im Vergleich zu anderen Frauen recht guten Rente von 1.200 Euro in München keine bezahlbare Wohnung finden. Statt dessen kampiert sie am Ende einer langen Arbeitsbiographie auf dem Klappbett im Flur ihrer Tochter.

Übersichtlich strukturiert, faktenreich und eingängig geschrieben, dokumentieren die Autorinnen ein Problem von größter sozialer Brisanz. Denn angesichts des abgesenkten Rentenniveaus und stetig steigender Mieten werden gerade die geburtenstarken Jahrgänge als nächste Rentnergeneration mit Altersarmut als Massenphänomen konfrontiert werden – und das um so mehr, wenn sie über »typisch weibliche« Erwerbsbiographien mit Teilzeitarbeit und Lücken wegen Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen verfügen.

Im ersten Teil des Buches skizzieren die Forscherinnen auf der Grundlage der geführten biographischen Interviews das Problem der Altersarmut, deren Ursachen und die Bewältigungsstrategien der Betroffenen. Außerdem finden sich hier Anregungen, mit welchen Mitteln die Politik der Altersarmut entgegensteuern könnte.

Der zweite Teil des Buches lässt dann die Frauen selbst zu Wort kommen. Sie berichten freimütig und sehr persönlich über ihren Lebensweg, ihre alltäglichen Sorgen und über die Strategien, mit denen sie es dennoch schaffen, sich über Wasser zu halten und sich sogar zum Teil ein Stück Lebensqualität zu erkämpfen.

So vielfältig die Frauen in ihren Biographien sind, so unterschiedlich ist auch ihre Haltung zur Armut. Einige sind verbittert und fragen sich, wie man nach Jahrzehnten der Sorge für die Familie und harter Arbeit in eine so entwürdigende Lage geraten kann. Andere suchen bei sich selbst die Schuld und möchten niemandem zur Last fallen, während wiederum andere – objektiv gesehen in der gleichen prekären Lage – nicht das Gefühl haben, »arm« zu sein. Sie schätzen zum Beispiel ehrenamtliches Engagement nicht nur wegen der Aufwandspauschale, die die Rente aufbessert, sondern vor allem als Gelegenheit zu sozialen Kontakten.

Der dritte Teil des Buches ist besonders nützlich für diejenigen, die sich über Möglichkeiten informieren möchten, Hilfe zu bekommen. Hier findet man zahlreiche Tips, in Wohnungsfragen etwa oder zu finanziellen Leistungen.

Mitfühlend, aber sachlich ist es den Autorinnen gelungen, ein drängendes soziales Problem zu dokumentieren und den Betroffenen eine Stimme zu geben, ohne ihnen ihre Würde zu nehmen. Vielmehr weckt die Lektüre großen Respekt angesichts der Zähigkeit, des Mutes und des Einfallsreichtums dieser Frauen, die wissen, wie man die Zähne zusammenbeißt. Hoffentlich weckt sie auch bei vielen die Erkenntnis, dass es höchste Zeit ist, das »Damoklesschwert« Rente nicht länger zu verdrängen, sondern für politische Lösungen einzutreten, die ein lebenswertes Leben im Alter garantieren.

Irene Götz (Hrsg.): Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen, Verlag Antje Kunstmann, München 2019, 280 S., 20 Euro

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