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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Antifaschismus

Einer, der zu helfen wusste

Kader Ost: Zum 120. Geburtstag des kommunistischen Widerstandskämpfers Felix Tucholla
Von Cristina Fischer
Tucholla-Stele2.JPG
Fast vergessene Helden: Felix und Käthe Tucholla

Der Victoriaplatz in Berlin-Lichtenberg wurde 1951 in Tuchollaplatz umbenannt. Im Stadtbezirk gibt es auch einen Gedenkstein und seit 2013 eine Fotostele, die an das Ehepaar Tucholla erinnern. Bislang ist kaum etwas über sie bekannt. Felix Tucholla war gelernter Schlosser, vor seiner Hinrichtung im Jahr 1943 zuletzt als Elektromonteur bei der Firma »Mix und Genest« tätig. Seit seiner Jugend gehörte er dem Arbeitersportverein Sparta Lichtenberg an. 1940 heiratete er Käthe Scheffler, deren Eltern ein Kiezlokal betrieben. Sie war Sekretärin von Beruf und arbeitete in der Kneipe ihrer Eltern mit.

Der große, blonde und blauäugige Tucholla trat 1928 der KPD bei und leitete eine Straßenzelle in Lichtenberg. Er soll zuletzt Org-Leiter des KPD-Unterbezirks Ost gewesen sein. Einiges deutet darauf hin, dass er zur Gruppe »Kader Ost« gehörte, die bis 1933 beim sogenannten Parteiselbstschutz Aufgaben übernahm, die denen des verbotenen »Roten Frontkämpferbunds« entsprachen. Sein späterer Mitangeklagter Kurt Bietzke, ein Mitbegründer der KPD Lichtenberg, hatte in dieser Gruppe eine führende Rolle gespielt. Die um 1940 nur noch etwa ein halbes Dutzend Mann umfassende Gruppe war nach Machtübergabe an die Faschisten miteinander in Kontakt geblieben und soll illegal gearbeitet, nämlich politisch diskutiert und Flugblätter verbreitet haben. Die meisten der Überlebenden wären nach 1945 nicht als Kämpfer gegen den Faschismus anerkannt worden.

Vermutlich hätten auch die Tuchollas mangels auffälliger Aktivität das »Dritte Reich« überlebt. Jedoch wurden sie Opfer einer Verkettung verhängnisvoller Umstände. Ein im Frühsommer 1942 von der Sowjetunion per Fallschirm abgesetzter Kundschafter, der aus Thüringen stammende Kommunist Erwin Panndorf, konnte sich in seiner Heimatregion nicht halten und schlug sich nach Berlin durch. Dort fand er in einem Telefonbuch die Adresse seines Jugendgenossen Rudolf Scheffel und suchte ihn auf, da er sich nicht anders zu helfen wusste. Scheffel war inzwischen Polizeibeamter der Reserve und staunte nicht schlecht, als er von einem Geburtstagsumtrunk heimkehrend, einen sowjetischen Agenten vorfand, der ihn um Obdach bat. Zunächst wies er ihn ab, ließ sich dann aber überreden und nannte ihm die Adresse einer Bekannten in Hohen Neuendorf – einer Schwester von Felix Tucholla.

So kam das Ehepaar ins Spiel. Panndorf gelang es, die beiden und ihre Freunde für seine Mission zu gewinnen. Sie fanden weitere Quartiere für ihn, wechselten Geld für ihn, informierten ihn über die Stimmung in der Bevölkerung und besorgten Pressematerial. Käthe Tucholla erklärte sich bereit, im sächsischen Meerane Treffen für Panndorf wahrzunehmen. Doch dem war inzwischen die Gestapo auf die Spur gekommen. Zu den vereinbarten Terminen schickte sie einen Gewährsmann. Käthe wurde festgenommen. Nach wenigen Tagen saßen auch ihr Mann und seine Freunde in Haft.

Felix Tucholla wurde am 17. August 1943 vom »Volksgerichtshof« unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und mit ihm seine Frau sowie die Genossen Rudolf Scheffel, Kurt Bietzke und Richard Hinkelmann. Die Männer wurden in der Nacht vom 8. zum 9. September in Plötzensee erhängt, da ein Bombenangriff die Guillotine beschädigt hatte. Käthe Tucholla starb am 28. September unter dem mittlerweile reparierten Fallbeil.

Der ehemalige Spanienkämpfer Erwin Panndorf war bereits im Dezember 1942 im KZ Sachsenhausen von den Nazis ermordet worden. Seine Biographie ist die einzige, die inzwischen vergleichsweise gut rekonstruiert werden konnte. Bei den übrigen Beteiligten ist der Forschungsstand nach wie vor desolat. Die im Bundesarchiv vorhandene Prozessakte zum Fall ist zwar das wichtigste verwertbare Dokument, allerdings nur noch ein klägliches Fragment. Aus ihr sind im Auftrag sowjetischer Organe fast sämtliche Unterlagen zu Panndorf und zu beiden Tuchollas entnommen worden. Sie befinden sich heute vermutlich in Moskauer Archiven.

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