Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Mai 2019, Nr. 120
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Wie Kohlestriche auf weißer Wand

Die Verzweiflung besiegen: Zur Neuauflage von Günther Weisenborns Erinnerungen »Memorial«
Von Walter Kaufmann
Fotothek_df_pk_0000061_045_Porträt.jpg
Noch im Kerker ist Hoffnung: Günther Weisenborn

Das sehr Besondere an Günther Weisenborns »Memorial« ist der Wechsel zwischen gelebtem Leben und dem bedrängten Leben in einer Kerkerzelle: ein Buch von großer Leuchtkraft und bleibender Gültigkeit, das heute so erregt, wie es im 48er Jahr, als es in 18 Sprachen um die Welt ging, erregt haben muss. Argentinische Landschaften und die Türme von Manhattan, Paris im Frühling und das Licht von Rom, Wanderungen in schneeigen Bergen und durch üppige Wälder, Liebe unter schattigen Bäumen und bunte Theaterbälle, innige Küsse und rasante Touren im Cabriolet mit dem Wind im Haar …

Hier zeichnet sich das Leben eines jungen Dramatikers in den Jahren seiner ersten Erfolge ab, einem Mann, dem die Welt offensteht. Und der eben diese von ihm eroberte Welt verlässt, um in Deutschland Widerstand zu leisten – Hitler das ist der Krieg! Wie es das Schicksal will, Günther Weisenborn gerät in die Fänge der Gestapo, gleich all den anderen um Harro Schulze-Boysen. Am Ende trennt ihn nur ein Tag vom Tod am Strang, das ist unmittelbar vor Kriegsende, als die Gestapo-Leute noch 13 seiner Genossen zur Hinrichtung abführen: »Der Rest ist morgen dran«, verkünden sie. Günther Weisenborn wird zu jenen neun Widerständlern gehören, die die Rotarmisten bei der Befreiung von Luckau den Henkern entreißen.

Er überlebt und – schreibt »Memorial«, ein Buch, in dem sich die Schilderung seiner Kerkertage gegen die Schilderung schönster Jugendzeit abhebt wie Kohlestriche auf weißer Wand. Wir erleben einen, der seine Verzweiflung besiegt, einen Standhaften, der seine Standhaftigkeit nie benennt, auch seinen Mut und seine Tatkraft nicht, und der noch in finsterster Nacht auf ein besseres Deutschland hofft. Möge die Veröffentlichung von »Memorial« im Verbrecher-Verlag dem Buch eine Renaissance bescheren!

Günther Weisenborn: Memorial. Verbrecher-Verlag, Berlin 2019, 242 Seiten, 19 Euro

Mehr aus: Feuilleton