Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Montag, 27. Mai 2019, Nr. 121
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 7 / Ausland
»Identitäre«

Braune Netzwerke

Wie eng waren die Kontakte von Österreichs »Identitären«-Chef Sellner zum Christchurch-Attentäter?
Von Johannes Greß, Wien
Rechtsextreme_Demons_60973335.jpg
Martin Sellner, Chef der extrem rechten »Identitären« in Österreich, gerät wegen seiner Kontakte zum Christchurch-Attentäter in Bedrängnis

Täglich trudeln sie ein, zahlreich. Spenden in Höhe von 2,50 Euro, manchmal 50 Euro, bis hin zu 2.000 Euro. Von Angestellten, Polizisten und Professoren, nahezu ein Querschnitt der Bevölkerung. Sie teilen die Begeisterung für Martin Sellner, den Chefideologen der »Identitären Bewegung Österreichs« (IBÖ). Auf deren Konten finden sich auch Spenden von Lokalpolitikern der Regierungspartei FPÖ, darunter die Zuwendung einer Mitarbeiterin des Sozialministeriums, sowie Spenden einiger lokaler AfD-Politiker aus Deutschland. Dies geht aus Recherchen des österreichischen Standard, der Süddeutschen Zeitung, des NDR und des WDR hervor.

Bereits seit längerem ermittelt die Staatsanwaltschaft Graz gegen Sellner und 21 seiner Mitstreiter. Dabei soll es um mehr als 100.000 Euro gehen, die den Ermittlern zufolge am Fiskus vorbeigeschleust werden sollten. Sellner selbst sieht sich als Opfer von »Diffamierung« durch die Behörden.

1.500 Euro trudelten im Januar 2018 auf seinem Konto ein. »Ich möchte dir persönlich für deine unglaubliche Spende danken«, grüßte der Wiener Neofaschist per E-Mail, wie der ORF am Dienstag abend berichtete. »Du wirst von Menschen auf der ganzen Welt unterstützt«, folgte die Antwort des Wohltäters. »Es ist noch ein langer Weg bis zum Sieg, aber jeden Tag werden unsere Leute stärker.« Offenbar war man sich sympathisch: »Wenn du je nach Wien kommst, müssen wir auf einen Kaffee oder ein Bier gehen«, schrieb daraufhin Sellner.

Bei dem Spender handelte es sich offenbar um den Attentäter, der am 15. März im neuseeländischen Christchurch in zwei Moscheen 51 Menschen ermordete. Für Sellner könnte es deshalb nun eng werden, denn nur einen Tag nach dem letzten E-Mail-Verkehr zwischen beiden buchte der mutmaßliche Attentäter im Juli 2018 Mietautos und Unterkünfte in Österreich. Sellners Sympathisant hielt sich in den Folgemonaten nachweislich mehrere Tage in Wien sowie in weiteren österreichischen Bundesländern auf. Sellner bestreitet allerdings vehement, sich je mit ihm getroffen zu haben. Das österreichische Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) ermittelt derzeit, ob es zu einer Begegnung zwischen den beiden Rechten gekommen ist. Der IBÖ-Chef sei nach gegenwärtigem Erkenntnisstand dringend tatverdächtig, Mitglied eines bis dato nicht näher verifizierbaren international agierenden extrem rechten Netzwerks zu sein.

Im Zusammenhang mit den mutmaßlichen Verbindungen Sellners zum Christchurch-Attentäter wurde bereits Ende März dessen Wohnung in Wien durchsucht. Genau 41 Minuten zuvor hatte der IBÖ-Chef die gesamte Korrespondenz mit seinem australischen Unterstützer gelöscht – nachdem diese Nachrichten rund ein Jahr lang unberührt auf seinem E-Mail-Server gelegen hatten. Der Bundesgeschäftsführer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, Thomas Drozda, vermutet, dass Sellner vor dem Anrücken der Beamten gewarnt worden sei. »Es fällt mir angesichts der engen Verbindungen zwischen der FPÖ und den Identitären schwer, hier an einen Zufall zu glauben«, erklärte er am Mittwoch.

Regio: