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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 5 / Inland
Bezahlbarer Wohnraum

Vonovias Flucht nach vorn

Immobilienkonzern verspricht vor Hauptversammlung Mietern ab 70 Wohngarantie
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Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch (3. v. l.) am Donnerstag auf der Hauptversammlung des Konzerns in Bochum

Angst, als Fischstäbchen zu enden? Die von Berlin ausgehende Enteignungsdebatte zeigt Wirkung bei großen Miethaien. Kurz vor der Hauptversammlung am gestrigen Donnerstag hatte der Vorstandschef des Immobilienkonzerns Vonovia, Rolf Buch, versprochen: »Wir geben Mietern ab 70 die Garantie, dass sie ihre Wohnungen nicht verlassen müssen.« Das berichteten die Nachrichtenagenturen dpa-AFX und dpa am selben Tag.

Ob das nun ein strategischer Schwenk oder doch eher ein Marketinggag des größten deutschen Immobilienkonzerns ist, bleibt abzuwarten. Fakt ist jedenfalls, dass immer mehr Rentner sich die steigenden Mieten kaum noch leisten können. Vonovia sichere den betagteren ihrer eine Million Mieter zu, »dass ihre Wohnung bei Veränderung der ortsüblichen Vergleichsmiete bezahlbar bleibt«, hieß es weiter.

Der Dax-Konzern gehört zu den Profiteuren – und auch Verursachern – der rasanten Mietensteigerung in den zurückliegenden Jahren. Das Riesenunternehmen hat in diesem Zeitraum zudem zahlreiche Konkurrenten geschluckt, darunter die berüchtigte GAGFAH, der die Stadt Dresden einst einen Großteil ihrer kommunalen Wohnungen verscherbelt hatte, die später wieder zurückgekauft werden mussten. Heute gehören Vonovia rund 400.000 Wohnungen, ein lohnendes »Investment«. »2018 war für uns erneut ein erfolgreiches Geschäftsjahr«, sagte Vorstandschef Buch. Das Immobilienportfolio sei gewachsen, der Wert habe erneut zugelegt.

Übersetzt heißt das: Die Nachfrage ist so stark gestiegen, dass die Vermieter die Preise praktisch diktieren können. Doch die Gegenwehr nimmt zu. Die in Berlin vorangetriebene Initiative, den Miethai Deutsche Wohnen SE notfalls zu enteignen, ist auch in den Zentralen der anderen großen Kapitalgesellschaften, die das gleiche Geschäftsmodell pflegen, angekommen. In der Hauptstadt werden Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt.

»Unsere Aktivitäten haben (…) niemals nur eine wirtschaftliche, sondern immer auch eine gesellschaftliche Perspektive«, sagte Buch. Vonovia sei Teil der öffentlichen und politischen Debatte. Immer mehr Menschen würden in die Großstädte ziehen. Dort gebe es immer weniger Wohnungen für Menschen mit durchschnittlichem Einkommen. Die Neuvertragsmieten in den Ballungszentren stiegen stärker als die Löhne. »Die Angst, keine geeignete Wohnung zu finden, ist bei vielen Menschen groß und auch berechtigt.«

Nach Mieterprotesten hatte das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr etwas vorsichtiger agiert und war bei der Wohnungsmodernisierung auf die Bremse getreten. Es soll keine Mietaufschläge von mehr als zwei Euro je Quadratmeter durch Sanierungen geben, hieß es. Doch das Problem stellt nicht der einzelne Konzern dar, sondern die Tatsache, dass Vermietung zu einer der aktuell wichtigsten Profitquellen geworden ist. Bezahlbarer Wohnraum gehört zur Daseinsvorsorge – und nicht in die Hand börsennotierter Unternehmen, heißt es deshalb zu Recht von den Mieterinitiativen. (jW)

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