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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Ich schalte aus

Warum ich keinen Fußball mehr schaue. Eine Abrechnung zum Bundesligafinale
Von Rouven Ahl
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Bayern hat schon gewonnen: Mit Geld lässt sich langfristig alles regeln (Banner von BVB-Fans, 2013)

Anfang April kam es in der deutschen Fußballbundesliga zum Spitzenduell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München. Laut den Schlagzeilen vieler Medien nichts weniger als das »wichtigste Bundesligaspiel seit Jahren« – ich habe es mir nicht angesehen.

Das hat nichts mit der medialen Hysterie zu tun oder mit fehlender Attraktivität. Nein, ich bin einfach des Fußballs überdrüssig geworden. Mir fehlt das Interesse an einem Sport, bei dem man sich den Erfolg kaufen kann. Wer gewinnt, darüber entscheidet in den europäischen Topligen vor allem der Kontostand.

Wer glaubt, ein Sieg sei vor allem Einstellungssache, und die Mannschaft gewinne, die es eben mehr wollte – das sind nur Phrasen. Letztlich entscheidet die Finanzkraft eines Vereins darüber, ob er dazu in der Lage ist, auf lange Sicht erfolgreich zu sein oder gar einen Titel zu holen. Wie zum Beweis besiegte der dem Rest der Bundesliga finanziell längst enteilte FC Bayern den BVB mit 5:0. Natürlich zeigten die Dortmunder keine gute Leistung, das taten sie auch danach nur noch selten. Ihnen jedoch die Schuld daran zu geben, dass die Bayern höchstwahrscheinlich auch zum siebten (!) Mal in Folge die Schale in den Händen halten werden, ist einfach falsch.

Denn längst ist Fußball ein Spiel der ungleichen Voraussetzungen geworden. Man stelle sich einen Boxkampf vor, bei dem einem der Kontrahenten die Hand auf den Rücken gebunden wird. Der BVB spielt trotz seiner aktuellen Schwächephase eine für seine Verhältnisse herausragende Saison, die Bayern performen allenfalls durchschnittlich. Dennoch wird am Samstag höchstwahrscheinlich erneut auf dem Rathausbalkon am Münchner Marienplatz gefeiert werden.

In einem Podcast der Wochenzeitung Die Zeit hieß es nach dem 5:0, es greife zu kurz, nur über die ungleichen finanziellen Möglichkeiten innerhalb der Bundesliga zu sprechen. Doch manchmal ist die Sachlage eben ziemlich einfach: Falls es in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Verhältnisse in bezug auf die Kaufkraft fairer zu gestalten, werden die Bayern auch weiterhin an der Spitze der Tabelle stehen. Daran wird sich auch nichts ändern, falls Dortmund doch noch überraschend Meister wird. Es ist das Wesen von Fußballwundern, dass sie einmalig sind.

Der Sportjournalist Oliver Fritsch sagte in dem erwähnten Podcast auch, die Bundesliga solle doch in Sachen Talentförderung von der spanischen La Liga lernen. Wie dadurch die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der deutschen Beletage wiederhergestellt werden soll, erschließt sich mir nicht. Denn wirft man einen Blick nach Spanien, fällt schnell auf: Die besten Talente werden beim FC Barcelona und Real Madrid ausgebildet. Das sind, Sie werden es erraten haben, die beiden mit Abstand reichsten Vereine auf der iberischen Halbinsel. In den letzten 15 Jahren hieß dort der Meister zehnmal FC Barcelona und dreimal Real Madrid. Ein fairer Wettbewerb sieht anders aus.

In anderen Ligen ist es noch schlimmer. So hat sich der italienische Rekordmeister Juventus Turin bereits zum achten Mal in Folge den »Scudetto« gesichert. In Frankreich verhindert nur die Meisterschaft des AS Monaco 2017, dass Paris Saint-Germain in der nächsten Saison eine genauso lange Serie feiern kann.

Ausgerechnet in England, wo die finanzstärksten Klubs des europäischen Kontinents zu Hause sind, gibt es noch so etwas wie Wettbewerb. Zumindest wird das gerne suggeriert. Dort gibt es sechs sehr reiche Vereine, die seit Jahren de facto eine Meisterschaft in der Meisterschaft ausspielen. Fair ist auch das nicht. Der Primus inter pares heißt momentan Manchester City, weil sich der Klub dank Geld aus Abu Dhabi das Trainergenie Pep Guardiola und die entsprechenden Spieler leisten kann.

Der Vorsprung der reichsten Vereine ist uneinholbar. Mit kluger Taktik und Talentförderung, Scouting und umsichtigen Wirtschaften können andere Klubs den jeweiligen Primus vielleicht vorübergehend herausfordern. Eine strukturelle Verschiebung ist aber kaum möglich. Deshalb wird sich an dem bestehenden System auch in absehbarer Zukunft nichts ändern. Wer daran Spaß findet, bitte.

Es ist natürlich immer leichter, Probleme aufzuzeigen, als Lösungen zu präsentieren. Auch ich habe keinen Masterplan. Doch eine Gehaltsobergrenze wie in den US-amerikanischen Basketball- und American-Football-Ligen wäre schon mal ein Anfang. Die dortigen Klubs dürfen nur ein gewisses Gehaltsvolumen an ihre Spieler ausbezahlen. Alles darüber hinaus wird sanktioniert. Die USA sind allerdings ein einziges Land. So etwas auf einem Kontinent mit so unterschiedlichen Staaten und Gesetzgebungen wie Europa durchzusetzen wird wahrscheinlich schwierig bis unmöglich.

Solange der europäische Fußball die bekannte Gelddruckmaschine ist, wird sich jedenfalls nichts ändern. Soviel scheint sicher. Doch vielleicht, irgendwann in ferner Zukunft, wird es mehr Menschen wie mich geben, die einfach angeödet sind. Die sich vom Sport abwenden. Spätestens dann, wenn sie es im Geldbeutel merken, müssen sich auch die großen Klubs etwas einfallen lassen.

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