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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Filmfestival

»Da warte ich mit!«

Rückblick auf das 16. Neiße-Filmfestival im Dreiländereck
Von F.-B. Habel
Das-Melancholische-Maedchen_01.jpg
»Verwendung sämtlicher feministischer Theorien« (»Das melancholische Mädchen«)

Noch stärker als sonst stand das Neiße-Filmfestival (NFF) in diesem Jahr im Zeichen europäischer Verständigung. Zentraler Veranstaltungsort ist Großhennersdorf. Spielstätten gibt es auch in Zittau, Görlitz, Löbau, Liberec (Tschechien) oder Jelenia Gora (Polen). Gegründet wurde das nach dem Grenzfluss im Dreiländereck benannte NFF im Zeichen der EU-Osterweiterung von Enthusiasten des kleinen Großhennersdorfer Kunstbauerkinos. Wesentlich vergrößert, ging es nun zum 16. Mal über die Bühne respektive Leinwände.

In Zeiten des erstarkenden Nationalismus setzte das NFF kurz vor der Europawahl deutliche politische Akzente, etwa in der Nebenreihe »Homo politicus«. Oliver Haffners Dokfilm »Wackersdorf« aus dem vergangenen Jahr hat von seiner Brisanz nichts verloren. Er erzählt vom Landrat Hans Schuierer in der Oberpfalz, einem einsamen Sozialdemokraten im CSU-Land, der sich in den 80er Jahren vom Befürworter zum erbitterten Gegner der Errichtung einer angeblich ach so sauberen atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wandelte. Schuierer, inzwischen 88, kam selbst nach Großhennersdorf, um von seinen Kämpfen mit Franz Josef Strauß und dessen Vasallen zu berichten. Da er als Landrat die Unterschrift für die WAA verweigerte, wurde ein neues Gesetz, intern »Lex Schuierer« genannt, erlassen, das die Entscheidungsbefugnisse der bayrischen Landräte einschränkt – es ist bis heute in Kraft.

Ein anderer Film in der Reihe porträtierte die Kaczynski-Zwillinge, PiS-Chef Jaroslaw kam – wohl glücklicherweise – nicht zur Aufführung. Seiner nationalistischen Politik ist es zu verdanken, dass die polnischen Spielstätten des NFF weniger zahlreich sind als in früheren Jahren. Es werden Berührungsängste unter den Nachbarn aufgebaut. Im französischen Dokfilm »Polens mächtige Zwillinge« (2007) erzählten zahlreiche Zeitzeugen von der Entwicklung der Katholiken zu Antikommunisten, aufgelockert wurde die Schreckensgeschichte durch Ausschnitte aus dem Kinderfilm »Die zwei Monddiebe«, der auch in DDR-Kinos lief. Mit ihm waren Jaroslaw und sein 2010 verunglückter Bruder Lech als Zwölfjährige zu Publikumslieblingen geworden.

Im Trubel beinahe untergegangen wäre ein aufschlussreiches Ergebnis eines Workshops von Jugendlichen aus den drei Nachbarländern. Sie hatten unter dem Motto »Wir müssen reden« Passanten auf den Straßen der Region befragt; ältere Deutsche nach ihrem Verhältnis zu den Nachbarn (Ergebnis: ambivalent) und junge Tschechen nach ihrem Interesse für Politik (Ergebnis: Politik ist nicht so interessant wie Rap).

In der Reihe »Regionalia« lief nicht nur der 1974 im Zittauer Gebirge gedrehte Agnes-Kraus-Film »Schwester Agnes« zum System der Gemeindeschwestern in der DDR; es ging auch um Regionen der Nachbarländer. Regisseurin Rena Dumont konnte für ihr deutsch-böhmisches Roadmovie »Hans im Pech«, das zum Abbau von Vorurteilen geeignet ist, einen Spezialpreis des Festivals entgegennehmen.

Den Hauptpreis erhielt beim NFF-Abschluss im polnischen Zgorzelec, der Nachbarstadt von Görlitz, Susanne Heinrichs Film »Das melancholische Mädchen«. Ein Dialog daraus:

»Worauf wartest du?«

»Ich warte auf das Ende des Kapitalismus.«

»Da warte ich mit!«

Das stilbewusste, in Teilen groteske Werk war schon im Januar beim Max-Ophüls-Preis dreimal ausgezeichnet worden. »Humorvoll zielt die Regisseurin dieses bezaubernden wie klugen Films auf die Paradoxe unserer modernen Welt. Sie zeigt uns in lockerem und leichtem Ton und unter Verwendung sämtlicher feministischer Theorien, wie konservativ und unfrei wir sind in unseren Käfigen aus Konventionen«, erklärte Schauspieler, Autor und Regisseur Thomas Wendrich im Namen der internationalen Jury.

Die Preise für das beste Drehbuch und das beste Szenenbild erhielt der polnisch-tschechisch-schwedische Film »Flucht«, ein ambitioniert inszeniertes Psychogramm einer Ehefrau und Mutter, die zwei Jahre nach einem geheimnisumwitterten Gedächtnisverlust in die Familie zurückkehrt. Jacek Braciak wurde für seine differenzierte Vaterrolle im polnischen Film »Die Tochter des Trainers« als bester Darsteller geehrt.

Der Ehrenpreis des NFF ging erstmalig an einen Schauspieler. Der Pole Jan Nowicki, Star in Filmen von Andrzej Wajda, Krzysztof Zanussi und Marta Meszaros, hatte bei der DEFA »Ich liebe dich – April! April!« gedreht, und Regisseurin Iris Gusner hob in ihrer Laudatio für den leider Abwesenden dessen Menschenfreundlichkeit und Güte hervor – als »Resonanzboden seiner Arbeit«.

Angesichts des mit AfD-Plakaten zugepflasterten Bundeslands Sachsen blieb die Hoffnung, das gut besuchte Festival habe Menschenfreundlichkeit befördert. Wenigstens mögen die Filme an der Neiße beim einen oder anderen einen Denkprozess angestoßen haben.

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