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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 8 / Ausland
Demokratische Bildung in Myanmar

»Gewalt fängt oftmals schon im Klassenraum an«

Myanmar: Verein setzt sich für Verbreitung demokratischer Werte an Schulen und in Lehrerausbildung ein. Ein Gespräch mit Bo Bo Lwin
Interview: Thomas Berger
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Schülerinnen und Schüler in Namtit, Myanmar (30.9.2016)

Sie setzen sich mit Ihrem Verein »Kalyana Mitta Development Foundation« für die Vermittlung von demokratischen Werten im Bildungssystem in Myanmar ein. Das scheint nach einer jahrzehntelangen Militärdiktatur (1962–2011, jW) nicht einfach. Mit welchen Hürden haben Sie es in Ihrer Arbeit zu tun?

Wir haben mit unserem Engagement im Januar 2008 begonnen. Im Vergleich zu damals gibt es heute sehr viel mehr Freiheiten und positive Entwicklungen. Das betrifft bereits das Registrieren von Nichtregierungsorganisationen, aber auch die konkrete Arbeit mit verschiedenen Akteuren aus der Bevölkerung. Bis 2010 war alles sehr restriktiv, das Misstrauen uns gegenüber in der Übergangszeit noch groß. Nach wie vor gibt es regionale Unterschiede, wie mit uns umgegangen wird. In der Zentralregion des Landes ist es weiterhin am schwierigsten, also in Gebieten wie Magwe oder Mandalay. Die Behörden dort sind misstrauisch, etwa wenn wir für Veranstaltungen wie unser »People’s Forum« Hotelsäle buchen. Von solchen Formaten haben wir eine Menge, weil das ein guter Rahmen ist, damit sich unterschiedliche Menschen austauschen können. Wir haben derzeit über hundert Gruppen, mit denen wir zusammenarbeiten, darunter 35 Alumnivereinigungen.

Ihr Verein setzt in erster Linie bei der Ausbildung künftiger Lehrkräfte an. Wie kann man sich das vorstellen?

Wir hatten zuerst eine Partnerschaft mit der Universität in Sagaing, dann kam die Hochschule in Yangon dazu. Das sind landesweit die beiden Einrichtungen, die die höchsten Abschlüsse im Bildungsbereich anbieten. Für ein paar Jahre hatte der Staat den Standpunkt eingenommen, jeder fertige Student könne einfach Lehrer werden, ohne ein fachliches Zusatzstudium dafür zu absolvieren. Das hat sich in Teilen geändert. Sehr lange hatten wir in Myanmar ein schlechtes Bildungssystem. Wir sind bisher mit unserem Ansatz, solche ergänzenden Inhalten anzubieten, die einzige NGO, die in diesem Bereich arbeitet.

Wie müsste ein demokratisches Bildungssystem Ihrer Meinung nach aussehen?

Wir haben bei unseren Analysen herausgefunden, dass Gewalt, die wir auf breiter Front in der Gesellschaft sehen, oftmals schon im Klassenraum anfängt. Ähnlich verhält es sich bei der Diskriminierung auf Grund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder ethnischer Zugehörigkeit. Deshalb ist genau dort anzusetzen, um Kindern einen gewalt- und diskriminierungsfreien Umgang miteinander nahezubringen. Lehrer sollten hier Vorbilder sein, was bislang nicht immer funktioniert.

Mittlerweile haben wir einige Alumni von früheren Ausbildungskursen, die heute als Lehrer arbeiten und als Mentoren für die nachrückende Generation an Pädagogen wirken. Mit den Studenten sind wir in der ersten Phase, in der wir inzwischen beobachten, dass wir spürbare Änderungen in Verhaltensmustern erzielen können. Das im Arbeitsalltag durchzuhalten, ist nicht ganz einfach – deshalb das Mentoringprogramm. Außerdem machen wir entsprechende Lobbyarbeit gegenüber dem Bildungsministerium und den nachgeordneten Behörden.

Ziehen die institutionellen Partner mit?

Die Unileitungen zeigen sich grundsätzlich offen und kooperativ. Bei den einzelnen Dozenten ist das unterschiedlich. Wir müssen viel Zeit und Kraft investieren. Mit der UNESCO sowie anderen NGOs haben wir ein Netzwerk gegründet, um gegenüber dem Ministerium Dinge noch stärker zur Sprache bringen zu können. Diese Prozesse laufen seit zwei Jahren recht intensiv – wir werden fünf bis sieben Jahre brauchen, um die Inhalte tiefgründig zu verankern. Noch ist nach meinem Gefühl gerade das Kontrollstreben des Bildungsministeriums ziemlich ausgeprägt. Unser Ziel ist, die formellen Lehrpläne in der Lehrerausbildung zu reformieren, damit künftig mehr freie Diskussionen stattfinden.

Bo Bo Lwin ist Gründer und Direktor des Vereins »Kalyana Mitta Development Foundation« (KMF) mit Hauptsitz in Yangon, der sich für demokratische Bildung in Myanmar engagiert

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