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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 7 / Ausland
Türkei

Countdown für den Untergang

Türkei: Aufstauung des Tigris am Ilisu-Damm soll trotz Protesten im Juni begonnen werden
Von Nick Brauns
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Die Felsenstadt Hasankeyf am Fluss Tigris wird im Stausee des Ilisu-Damms untergehen (29.4.2018)

Schon mehrfach hat die türkische Regierung verkündet, den Ilisu-Großstaudamm am Oberlauf des Tigris in der Osttürkei fertigstellen zu wollen. Jahr um Jahr musste der Termin jedoch wegen technischer Probleme, Geldknappheit oder vorläufiger juristischer Erfolge der Staudammgegner verschoben werden.

Jetzt aber könnte es ernst werden für die 12.000 Jahre alte Felsenstadt Hasankeyf und die Bewohner der 199 umliegenden Dörfer. Denn für den 10. Juni hat Präsident Recep Tayyip Erdogan im Kommunalwahlkampf angekündigt, die Schleusen schließen und den 313 Quadratkilometer großen Stausee auffüllen zu lassen. Seit Frühjahr sind alle Turbinen des österreichischen Anlagenbauers Andritz angeschlossen, und der von Tausenden Soldaten und paramilitärischen Dorfschützern abgesicherte Damm ist damit grundsätzlich betriebsbereit. Hasankeyf würde nach Behördenangaben ab Oktober im Stausee verschwinden.

Insgesamt 80.000 Menschen würden in der Region so die Grundlage für ihren Lebensunterhalt verlieren. Noch ist nichts geschehen, um sie umzusiedeln. Für die letzten Bewohner von Hasankeyf war der gestrige Mittwoch der vom Staat festgelegte Stichtag ihres Umzuges in das erhöht am anderen Flußufer errichtete Neu-Hasankeyf. Nur Besitzer eines Hauses haben Anrecht auf ein neues Haus, zu dessen Kauf die zur Verfügung gestellte Entschädigungssumme jedoch bei weitem nicht ausreicht.

Ohne Perspektive werden nach der Überflutung ihres Pachtlandes auch Tausende Bauernfamilien dastehen. Die betroffenen Gebiete gelten als Hochburg der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP). Die Vertreibung der Bevölkerung stellt daher keineswegs nur einen Kollateralschaden des Staudammbaues da, sondern dient der Assimilation der Kurden im Rahmen einer langfristigen »Aufstandsbekämpfungsstrategie« der Regierung.

Sechs wichtige historische Monumente aus Hasankeyf, darunter ein Mausoleum aus dem 15. Jahrhundert, wurden in einen »Archäologiepark« versetzt. Kritiker sehen in den ihrer gewachsenen Umgebung entrissenen Bauwerken allerdings ein »archäologisches Disneyland«. Andere Monumente wie die vielen hundert in den Felsen geschlagenen Wohnhöhlen und die Pfeiler einer alten Steinbrücke können gar nicht versetzt werden. Wie zahlreiche andere noch unerforschte archäologische Stätten im Tigristal, wo die neolithische Revolution und die Sesshaftwerdung des Menschen begannen, sind sie dem Untergang geweiht. Wie bedeutend Hasankeyf ist, zeigt der Fund eines Tempels, der so alt ist, wie die seit letztem Jahr als UNESCO-Welterbe geltende steinzeitliche Tempelanlage Göbeklitepe 225 Kilometer westlich in der Provinz Urfa. Archäologen sprechen von Hasankeyf und Göbeklitepe als »Zwillingsorten«.

Durch den Ilisu-Damm kann Ankara zudem die im Nahen Osten immer knapper werdende Ressource Wasser als Druckmittel gegen die Nachbarländer Irak und Syrien einsetzen. Die bereits im vergangenen Jahr unter einer Dürre leidende irakische Landwirtschaft wäre bereits in der Aufstauphase betroffen. Zudem drohen im Süden des Irak die als UNESCO-Welterbe anerkannten Sumpflandschaften auszutrocknen. Doch Bagdad zeigte sich nach letzten Gesprächen mit den Zugeständnissen der Türkei zufrieden, den Mindestabfluss während der Aufstauphase etwas zu erhöhen. Irakische Aktivisten der »Save the Tigris Campaign« werten diese Einstellung als beschämend zurückhaltend.

»Noch ist es nicht zu spät, Hasankeyf und den Tigris zu retten!« heißt es in einem Aufruf, mit dem Dutzende Nichtregierungsorganisationen aus dem Nahen Osten, Europa, Lateinamerika und Asien am gestrigen Mittwoch an die Öffentlichkeit traten. Die 75 Unterzeichner, darunter die Initiative zur Rettung von Hasankeyf, die »Ökologische Bewegung Mesopotamiens«, die »Save the Tigris Campaign« und das irakische Sozialforum, appellieren an die türkische Regierung, den Stausee nicht zu füllen. Statt dessen fordern die NGOs eine neue transparente Diskussion mit der Bevölkerung der betroffenen Region über die Zukunft des Tigristales. Mit dem Irak und Syrien müsse es gegenseitige und vom Völkerrecht gedeckte Abkommen geben, die einen ausreichenden Durchfluss des Wassers garantieren, fordern die NGOs weiter.

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