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Aus: Ausgabe vom 16.05.2019, Seite 2 / Ausland
US-Präsidentschaftswahl 2020

»Das ist ein Widerspruch in sich«

Vorwahlkampf in USA: Bernard Sanders kandidiert für Demokratische Partei und geißelt andererseits die Wall Street. Ein Gespräch mit Aron Amm
Interview: Daniel Behruzi
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Unterstützer von Bernard »Bernie« Sanders in Los Angeles (23.3.2019)

Der 77jährige Senator Bernard »Bernie« Sanders, ein Parteiloser aus Vermont, ist einer von vielen, die 2020 bei der US-Präsidentschaftswahl gegen Amtsinhaber Donald Trump antreten wollen. Hat er eine Chance?

Und ob. Einen Monat nach Bekanntgabe seiner Kandidatur Anfang dieses Jahres ermittelte der rechte Fernsehsender Fox News in einer Blitzumfrage, dass Sanders auf 47 Prozent käme und damit Trump schlagen würde, den 40 Prozent wählen wollten. Das zeigt das Potential.

Sie waren beim Vorwahlkampf vor vier Jahren in den USA. Wie kam es, dass Sanders damals für so viel Furore sorgte?

Er war damals schon mehrere Jahrzehnte im politischen Geschäft. Wieder und wieder wurde er ins Abgeordnetenhaus beziehungsweise in den Senat gewählt. Er hatte sich als »Unabhängiger« und als »demokratischer Sozialist« einen Namen gemacht, was nach den Enttäuschungen über Präsident Barack Obama gut ankam. Mit seinem Ruf nach einer »politischen Revolution« hat er die Menschen elektrisiert. Zudem konnte er auf einer Welle von Protesten reiten – allen voran die Kampagne für einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, der in der Folge erst in Seattle, später auch in New York, San Francisco und andernorts durchgesetzt wurde. Im ganzen Land entstanden Hunderte »People for Bernie Sanders«-Gruppen. Er gewann 22 der 56 Vorwahlen bei den Demokraten, seine Kontrahentin Hillary Clinton 34. Leider entschied Sanders sich dagegen, daraufhin als unabhängiger Kandidat anzutreten.

Wie hat sich die Unterstützung für ihn ausgedrückt?

Ich war am 8. August 2015 in Seattle, wo Sanders in einer Basketballhalle vor rund 15.000 Menschen sprach, seine bis dahin größte Veranstaltung. An den folgenden beiden Tagen kamen in Portland und Los Angeles sogar jeweils rund 28.000 Teilnehmer zusammen. Clinton hatte bis dahin nicht mehr als 5.500 Menschen zusammengebracht – zur Verkündung ihrer Kandidatur in New York City. Nach Berechnungen der New York Times konnte Sanders im Frühsommer 2015 weit mehr Menschen mobilisieren, als es Barack Obama 2007 zum gleichen Zeitpunkt des Vorwahlkampfes vermochte.

Was waren das für Menschen?

Es waren überwiegend Arbeiterfamilien und Jugendliche, die zu den Veranstaltungen pilgerten. In den Reden wurde Sanders sehr konkret: So forderte er die Abschaffung der Studiengebühren, eine Rücknahme der Gefängnisprivatisierungen, ein fünfjähriges Arbeitsbeschaffungsprogramm, die Förderung alternativer Energien, ein kostenloses Bildungs- sowie ein öffentliches Gesundheitssystem und eine ausreichende Besteuerung der Reichen.

Sanders sieht sich als Sozialist, möchte aber in der Demokratischen Partei mitmischen. Wie passt das zusammen?

Eigentlich gar nicht. Auf der einen Seite gehört Sanders im Senat der Fraktion der Demoraten an, die der Schriftsteller Gore Vidal mal zu Recht als einen von zwei rechten Flügeln einer einzigen großen Partei in den USA bezeichnet hat. Auf der anderen Seite greift Sanders in allen Reden die Spekulanten an der Wall Street an. Das ist ein Widerspruch in sich.

Seit 2015 ist in den USA einiges in Bewegung geraten. Die wichtigste Entwicklung ist der Aufstieg der Organisation »Democratic Socialists of America«, der DSA, der heute an die 60.000 Mitglieder angehören. Die DSA ist zu einem Anziehungspunkt für Debatten über grundlegende gesellschaftliche Alternativen geworden.

Wie schätzen Sie die Chancen für Sanders in den kommenden knapp 18 Monaten ein?

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander als in Europa. Jetzt droht noch eine Rezession. Zu der Bewegung »Black Lives Matter« und Sozialprotesten sind in den vergangenen Jahren die »Me too«-Diskussion, Mieterproteste und eine größere Offenheit für einen demokratischen Sozialismus gekommen. Es hat eine gewisse, gleichwohl begrenzte Linksentwicklung bei den Demokraten gegeben. Trump »mobilisiert« deren Anhänger. Folglich ist es nicht ausgeschlossen, dass Sanders dieses Mal das Rennen bei den Demokraten macht – und sogar ins Weiße Haus einzieht. Das ist freilich alles andere als ausgemacht. So oder so wird seine Kandidatur die Debatte über linke Alternativen zu Trump und zum Partei-Establishment der Demokraten befördern.

Aron Amm ist Autor des kürzlich erschienenen Romans »Moribund«, der sich mit den jüngeren Entwicklungen der US-amerikanischen Gesellschaft beschäftigt. Im Vorwahlkampf der Präsidentschaftswahl 2015 engagierte er sich bei »People for Bernie Sanders«

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