Gegründet 1947 Mittwoch, 19. Juni 2019, Nr. 139
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Weißkittel des Tages: Hartmut Hopp

Von Michael Merz
Convicted_sex_offend_49587502.jpg
Die »Nummer zwei« hinter Schäfer: Hartmut Hopp im Jahre 1999 in Chile

Man kann Frank-Walter Steinmeier einiges vorhalten, doch zum Ende seiner zweiten Amtszeit als Außenminister (bis 2017) bestand Hoffnung für die Opfer der deutschnationalen Sekte Colonia Dignidad in Chile, dass die dort begangenen Verbrechen beleuchtet und Täter zur Verantwortung gezogen werden. Die Aufarbeitung ist längst im Sande verlaufen, obwohl unter Steinmeier erstmals eine Mitschuld bundesdeutscher Diplomaten festgestellt wurde. Am 13. Mai soll eine Kommission darüber entscheiden, wie die rund 180 Überlebenden entschädigt werden – nach Informationen des SWR vom Dienstag sind 5.000 Euro pro Person veranschlagt.

Das ist also der BRD die Mitverantwortung für jahrzehntelange Zwangsarbeit, Folter und Psychoterror wert. Nicht die einzige Nachricht zur Colonia Dignidad gestern: Außerdem wurde bekannt, dass die Ermittlungen gegen Hartmut Hopp eingestellt sind. Der heute 74jährige galt als »Nummer zwei« hinter dem brutalen Sektenchef Paul Schäfer. Er war Leiter des Krankenhauses in dem abgeriegelten Lager. Hier wurden Menschen gegen ihren Willen mit Psychopharmaka und Elektroschocks gefügig gemacht. Davon will er natürlich nichts mitbekommen haben. Hopp wurde in Chile wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Freiheitsberaubung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er floh vor deren Antritt, ließ sich in Krefeld nieder, wurde nie ausgeliefert. Bereits im September 2018 war vom Oberlandesgericht Düsseldorf festgestellt worden, dass das chilenische Urteil gegen Hopp in Deutschland nicht vollstreckbar sei, nun also kann er unbeschwert seine Rente genießen. »Die Betroffenen sind fassungslos, ihr Vertrauen in die deutsche Justiz ist erschüttert«, erklärten Menschenrechtler nach der Entscheidung der Staatsanwaltschaft. Es gebe hierzulande und in Chile zahlreiche aussagebereite Zeugen. Sie seien schlicht ignoriert worden.

Mehr aus: Ansichten