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Aus: Ausgabe vom 26.04.2019, Seite 16 / Sport
Baseball

Ball im Handschuh

Das Baseballteam Berlin Flamingos aus dem Märkischen Viertel will den sofortigen Wiederaufstieg in die 1. Liga
Von Oliver Rast
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»Ist sich nicht zu schade, auch das Unkraut an der Base zu zupfen«: Headcoach Don Freeman

Ein Fauxpas des Autors steht am Anfang der Geschichte. Bei der US-amerikanischen Schreibweise von Spielterminen steht das Gastteam vorn, das Heimteam hinten. Ich verwechsle das bei meiner Anfrage. Markus B. Jaeger, Pressechef der Berlin Flamingos, weist mich höflich darauf hin, dass sein Team auswärts antreten muss – und kündigt an, »zukünftig eine massentaugliche Lesbarkeit der Spielangaben umzusetzen«.

Meine Leseschwäche hat Folgen: Statt eines Berichts zum heimischen Auftaktspiel wird’s ein Saisonvorbericht mit Impressionen des Abschlusstrainings vom Donnerstag voriger Woche. Die Generalprobe der Flamingos vor dem baseballtypischen Doppelspiel (Doubleheader) in Braunschweig gegen die 89ers am vergangenen Samstag.

Die Flamingos sind im dreißigsten Jahr. Am 1. Januar 1990 als »Frohnau Flamingos« gegründet, waren sie die Baseball- und Softballabteilung des Frohnauer SC. Seit Herbst 2011 treten die Nordberliner eigenständig als »Berlin Flamingos e. V.« an. Im schicken Frohnau sind die Flamingos schon seit 1993 nicht mehr; der Werbeslogan geht so: »In Berlin ganz oben – im MV zu Hause«. Gemeint ist die Trabantenstadt Märkisches Viertel im östlichsten Winkel Westberlins. Zehn- bis Zwanziggeschosser mit dezenten Farbanstrichen ziehen sich labyrinthartig durch das Areal, zwischen den Betonklötzen immer wieder ein grünes Eiland. Mittendrin der Flamingo-Park, die Spielstätte, die früher einer Brache ähnelte und im Volksmund »Schotterdome« hieß.

Wieviel MV steckt in den Flamingos? Jaeger stockt kurz, erzählt dann von den »Flamingo-School«-Projekten an örtlichen Grundschulen, um im Quartier Fuß zu fassen. »Nachwuchs« – ein ganz wichtiges Stichwort für Jaeger. Außerdem: »Mit 200 Mitgliedern sind wir der größte Baseballverein im Osten Deutschlands.«

Baseball für Dummies: Zwei Teams mit je neun Akteuren spielen mindestens neun Runden (Innings). Jedes Inning ist in Offense (Angriff/Schlagrecht) und Defense (Verteidigung) unterteilt. Das Team in der Offense versucht, den Ballwurf des Pitchers durch den Batter ins Feld zu schlagen und die Bases zu umrunden, um am Ende, beim Berühren der Home Plate (Schlagmal), Runs (Punkte) zu erzielen.

2017 stiegen die Flamingos erstmals in die zweigleisige 1. Baseball-Bundesliga auf. Dem Aufstieg folgte der Direktabstieg. Jetzt treten die Flamingos wieder in der 2. Bundesliga Nordost an. Jaeger, mit Ernst in der Stimme: »Ohne Wenn und Aber: Wir wollen den sofortigen Wiederaufstieg.« Garant für diese Mission soll Headcoach Don Freeman sein, der Rückkehrer, mit dem die Flamingos vor zwei Jahren aufgestiegen waren. Im Juni wird Freeman 70 Jahre alt. Seit zehn Jahren ist er so etwas wie ein Entwicklungshelfer im deutschen Baseball. »Don ist sich nicht zu schade, auch das Unkraut an der Base zu zupfen«, schwärmt Jaeger.

Wenn Freeman im Training den Pitcher macht, wirkt er ein bisschen wie Morris Buttermaker alias Jack Warden aus der Fernsehserie »Die Bären sind los«. Eine Autoritätsperson väterlichen Typs. Freeman geht Spielzüge durch, schaut auf seinen Trainingszettel, korrigiert, variiert. Zwischendurch holt er seine Jungs zu sich, lobt, tadelt.

Gelassen blickt Freeman auf den Ligabeginn: »Kein Team geht fertig in das erste Spiel.« Vier Saisonspiele, dann sei der Spielfluss da. Und wenn es mit dem Aufstieg nicht klappen sollte? Der Coach lacht auf und sagt: »Dann komme ich zurück, und wir versuchen es wieder!« Wie findet Freeman die Idee, aus den drei Berliner Zweitligisten Sluggers, Wizards und Flamingos ein vereintes, schlagkräftiges Team zu machen, mit ihm als Coach? »That would be a great opportunity.«

Baseball ist ein Spaß, der Geld kostet. Equipment und Zeit müssen die Spieler mitbringen – und den jährlichen Mitgliedsbeitrag. Unterkunft und eine Aufwandspauschale erhalten nur die zwei, drei »Importspieler«. »Es ist ein unkommerzieller Sport, von Liebhabern betrieben«, betont Jaeger.

Jaeger ruft Tim Wägner während einer Verschnaufpause zu sich. Der 26jährige Kapitän war in der Erstligasaison der »Most Valuable Player« (MVP) der Flamingos. Nein, in seiner Sportlerbiographie sei nichts falsch gelaufen, für Baseball habe er sich bewusst entschieden. Worin liegt der Reiz? »Das ist der Mix aus Einzel- und Teamsport, der Baseball auszeichnet«, sagt er. 1. Liga, 2. Liga – der Unterschied? »Der ist qualitativ enorm, das Niveau doppelt so hoch.« Jaeger hakt ein: Die Teams im Oberhaus machten keine Fehler, »der Ball landet im Handschuh«. Kleine Fehler würden nicht nur bestraft, sie entscheiden über Sieg oder Niederlage – und Abstieg. Wägners Prognose für den Saisonstart? »Zwei Siege, ganz klar.«

Er sollte recht behalten, die Flamingos mussten in Braunschweig nicht einmal über die volle Distanz gehen (Mercy Rules). Erstes Spiel: 17:6 im siebten Inning; zweites Spiel: 15:3 nach dem fünften Inning für Wägner & Co. Übrigens: Pressechef Jaeger hat den virtuellen Kalender zum »Homeopener« angepasst – dort steht unmissverständlich: »Berlin Flamingos – Hannover Regents, 27.04., 12:00/15:30 Uhr«.

Debatte

  • Beitrag von Marco O. aus B. (26. April 2019 um 12:47 Uhr)
    Ja, Oliver, so erging es mir vor zwei Jahren auch.

    Nur stand ich da vor dem leeren Platz.

    Zum Glück hatte ich es nicht so weit.

    Aber das Catering kann man empfehlen.

    Vor allem die Burger sind echt lecker.

    Ob sie es wollen oder nicht.

    Die Flamingos sind Aufstiegsfavoriten.

    MsKg Ossi

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