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Aus: Ausgabe vom 25.04.2019, Seite 15 / Medien
Wohlfühlen am Koningsdag

Agreement mit Untertanen

In der EU gibt es sieben Monarchien. Die der Oranjes in den Niederlanden ist auch dank der Medien beliebt
Von Gerrit Hoekman
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Am »Koningsdag« (hier 2016) gibt sich Willem-Alexander der Niederlande besonders volksnah

Am 27. April feiern die Niederlande den »Koningsdag«, den Geburtstag des Staatsoberhauptes Willem-Alexander. Für das Fernsehen gehört das Ereignis zu den Höhepunkten des Jahres. Stundenlang wird live von den zahlreichen Veranstaltungen im Land berichtet – und man macht nebenbei kräftig Werbung für die Monarchie.

T-Shirts, Hüte, Fahnen – an diesem Feiertag sind die Niederlande ein Meer aus Orange, der Farbe des Königshauses. Reporter der TV-Sender lassen sich oft vom »Oranjegekte«, dem orangen Virus, anstecken – oder tun zumindest so. In der so zelebrierten Begeisterung für ein archaisches Herrschaftsmodell gehen manchem Journalisten die Pferde durch, dann werden aus demonstrierenden Gegnern der Monarchie schnell »Provokateure«.

Propaganda und Personenkult sind feste Größen vieler Sendungen. Man lässt die Königsfamilie hochleben. Und das nicht nur an diesem Tag, sondern bei jedem royalen Hochamt. »Das orange Bild der Monarchie wurde extra aufpoliert und renoviert«, kritisierte die linksliberale Volkskrant schon 2013 die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds NOS bei der Inthronisierung Willem-Alexanders. »Ein freiwilliger Service der königlichen Brigade der Herolde aus Hilversum«, spottete die Zeitung. Herolde waren im Mittelalter die Boten eines Fürsten, und in Hilversum sitzen die Öffentlich-Rechtlichen.

Britannien, Spanien, Niederlande, Schweden, Belgien, Dänemark, Luxemburg: Sieben konstitutionelle Monarchien gibt es in der EU. Anders als etwa die Windsors in London können sich die Oranje-Nassauer seit einigen Jahren nicht über die heimischen Medien beschweren. Und das Königshaus ist auch heute noch sehr beliebt. Daran haben die Medien keinen geringen Anteil.

Das liegt am »Mediacode«, auf den sich Monarch, Presse und Fernsehen 2005 geeinigt hatten. Dessen Ziel ist es vordergründig, die »Privatsphäre der Mitglieder des Königshauses zu schützen«, heißt es auf der Internetseite des Königs. Das gilt besonders für die drei »Prinsesjes« Amalia, Alexia und Ariane, die Töchter von Willem-Alexander und dessen Ehefrau Maxima. »Dank des Mediacodes können die Kinder eine ungestörte Jugend verleben.«

Kritiker bemängeln, dass die Nachfahren Wilhelms des »Schweigers« (der Mitte des 16. Jahrhunderts den Widerstand gegen die habsburgisch-spanische Herrschaft in den Niederlanden anführte und als einer der Väter der daraus 1581 entstandenen Republik der Vereinigten Sieben Provinzen gilt) inzwischen auch Termine als privat deklarierten, die eigentlich öffentlich sind. Das kann der Besuch eines Musikfestivals sein oder einer Sportveranstaltung. Wer trotzdem ein Foto veröffentlichen möchte, kann beim Reichsinformationsdienst um die Freigabe bitten.

Wer sich an die Vorgaben hält, bekommt eine Belohnung. »Medien, die das Privatleben der Mitglieder des Königshauses respektieren, werden zu (privaten) Medienaugenblicken eingeladen, zum Beispiel während des Urlaubs«, erklärt das Königshaus auf seiner Homepage. Und wer die ungeschriebenen Regeln bricht, bleibt beim nächsten Mal außen vor. »Das hat nichts mit einer Einschränkung der Pressefreiheit zu tun«, beeilt sich das Königshaus festzustellen.

Im österreichischen Lech am Arlberg kommt die Abmachung jeden Winter beispielhaft zur Geltung. Die königliche Familie verbringt dort ihrer Skiurlaub. Kurz nach der Ankunft gibt es einen ausführlichen Pressetermin. Das Königspaar und seine Kinder stellen sich zum Foto auf, sie machen Witze, sind gut gelaunt. Das ist Teil des PR-Geschäfts mit den Medien. Die Journalisten geben sich mit dem Termin zufrieden und lassen die Royals für den Rest des Urlaubs in Ruhe.

Doch nicht alle knicksen. Die US-Nachrichtenagentur AP bot 2009 vier Fotos an, die einer ihrer Leute während des Winterurlaubs der Familie in Argentinien geschossen hatte. Willem-Alexander zog vor Gericht, weil er die Privatsphäre seiner Familie verletzt glaubte. AP vertrat hingegen die Ansicht, dass die königliche Familie eine Person des öffentlichen Lebens sei und deshalb immer und überall fotografiert werden dürfe. In diesem speziellen Fall hätten die Bürgerinnen und Bürger sogar ein Recht darauf, zu erfahren, wofür die Royals Geld ausgeben.

Das Gericht klassifizierte die Fotos jedoch als typischen Boulevard und sprach ihnen ab, ein öffentliches Interesse zu bedienen. Willem-Alexander bekam recht. Allerdings stellte das Gericht auch fest, dass der Mediacode kein »rechtlich bindendes Abkommen« sei.

Wenn alle berichten würden wie das öffentlich-rechtliche TV-Magazin »Blauw Bloed« (Blaues Blut), wäre die Welt der Oranier perfekt. Einmal die Woche wird dort dokumentiert, was die Königsfamilie unter der Woche im Dienste des Reichs erledigt hat. Neulich bewunderte Prinzessin Beatrix, die frühere Regentin, im Lustgarten des Paleis Het Loo bei Apeldoorn vier neue Skulpturen des Künstlers Daniel Libeskind. Kein Sprecher störte den Beitrag, nur klimpernde Musik war zu hören. Dazu eingeblendet die Information: »Nach der offiziellen Eröffnung machte Prinzessin Beatrix mit Daniel Libeskind einen Spaziergang durch den Palastgarten.« Mark Twains »Ein Yankee an König Artus’ Hof« lässt grüßen.

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