Gegründet 1947 Donnerstag, 25. April 2019, Nr. 96
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 15 / Medien
Ein »Zeitungsterrorist«

Kein Präsidentenfreund

»Aufdecker der amerikanischen Nation« – Reporterlegende Seymour Hersh schreibt mit seinen Memoiren Zeitgeschichte gegen die Herrschenden
Von Rüdiger Göbel
RTR1O6J4.jpg
Legendärer Reporter: Seymour Hersh bei einem Al-Dschasira-Forum im April 2007 in Katar

Seymour Hersh ist eine feste Instanz im investigativen Journalismus. Kritische Fragen, komplexe Geschichten und unangenehme Wahrheiten sind sein Spezialgebiet. Er hat für die New York Times und The New Yorker gearbeitet, hat Schlüsselartikel über den von Richard Nixon und Henry Kissinger geförderten Umsturz in Chile und andere kriminelle Aktivitäten des US-Geheimdienstes CIA geschrieben: über die Watergate-Affäre, die Verbindungen der Kennedy-Familie zur organisierten Kriminalität, das US-Massaker im vietnamesischen Son My (bekannter unter dem Namen My Lai), über Folter im irakischen Abu Ghraib und die Lügen um die Ermordung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden durch Navy Seals in Pakistan.

In seinen jetzt erschienenen Memoiren »Reporter« gibt Hersh tiefe Einblicke in seine Arbeit, angefangen von seinen Lehrjahren im Chicago der 1960er Jahre bis zu seinen Enthüllungen im sogenannten Krieg gegen den Terror im 21. Jahrhundert. Es sind mehr als 50 Jahre Zeit- und Zeitungsgeschichte, voller Anekdoten und teils neuen Enthüllungen – etwa über die CIA-Folter mit einem Sack Feuerameisen, der einem mutmaßlichen »Al-Qaida-Mann für Biowaffenforschung« über den Kopf gebunden worden sei, so dass er sich innerhalb weniger Minuten in »ein dahinvegetierendes Wesen« verwandelt habe. Beweise für die Biowaffenvorwürfe wurden nicht gefunden. Hershs Maxime: »Ich glaube (…) daran, dass offizielle Lügen, autorisierte Lügen, Lügen über Militärpläne, Waffensysteme oder Geheimdienstinformationen niemals toleriert werden sollten. Ich kann nicht darüber hinwegsehen.«

Hersh sagt von sich selbst, er sei gern »der Erste, der Beste«, und: »Ich war immer der Ansicht, einer Zeitung gehe es darum, die Wahrheit herauszufinden und nicht lediglich über die Diskussionen darüber zu berichten.« Er sei ein »Überlebender aus dem Goldenen Zeitalter des Journalismus, als Zeitungsreporter nicht mit den Rund-um-die-Uhr-Nachrichten der Kabelsender konkurrieren mussten, als Zeitungsverlage dank ihrer Anzeigenkunden und Kleinanzeigen in Geld schwammen und als ich auf Kosten meiner Arbeitgeber jederzeit überallhin reisen konnte, ganz gleich aus welchem Grund. Es gab genug Zeit, an einer sich entwickelnden Story zu arbeiten, ohne dass man sich ständig auf das berufen musste, was die eigene Website verlauten ließ.«

Seine Einleitung ist eine gnadenlose Bestandsaufnahme des Ist-Zustands: »Wir sind inzwischen durchtränkt von Fake News, übertriebenen und unvollständigen Informationen und falschen Beteuerungen, die uns ohne Unterlass von unseren Tageszeitungen, unseren Fernsehgeräten, unseren Onlinenachrichtenagenturen, unseren sozialen Netzwerken und unserem Präsidenten präsentiert werden.«

In seiner Karriere sei ihm immer bewusst gewesen, »wie wichtig es ist, große und unbequeme Wahrheiten zu enthüllen und Amerika zu mehr Wissen zu verhelfen«. Ohne Zweifel hat Seymour Hersh das erreicht, und er hat nicht nur den USA zu mehr Wissen verholfen, sondern den Menschen weltweit. Er stellt daher sein Licht unter den Scheffel, wenn er über die Beschränktheit seiner Möglichkeiten urteilt: »Es wäre wundervoll, behaupten zu können, dass meine Berichterstattung über Abu Ghraib den Kriegsverlauf verändert und alle Folter beendet habe, aber natürlich war dem nicht so, genau wie die Berichterstattung über My Lai den Vietnamkrieg in seiner ganzen Brutalität nicht hatte beenden können.«

Hershs journalistische Recherche zieht sich oft über Monate und Jahre hin, und über die Jahre und Jahrzehnte hat er mit seiner Arbeit zu einem kritischen Bewusstsein vor allem über die US-Außen- und Kriegspolitik beigetragen. Und er schützt seine Informanten um jeden Preis. So hat er sich über die Jahre und Jahrzehnte das Vertrauen hochrangiger Militärs, Geheimdienstler und Politiker erworben, die ihn mit Informationen versorgen und ihm die wichtigen Enthüllungen erst möglich machen. Zu den Mächtigen hat Hersh gleichwohl immer Abstand gehalten, er ist der Meinung, »dass Redakteure nicht mit regierenden Präsidenten befreundet sein sollten«.

Im Fall von Hersh beruht das ganz auf Gegenseitigkeit: »Es gab noch nie einen Präsidenten, der mich leiden konnte. Ich nehme das als Kompliment.« Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie in den vergangenen Jahrzehnten zusammengetroffen seien, habe Richard »Dick« Cheney, Vizepräsident unter George W. Bush, seine »ausgestreckte Hand« ignoriert und sei an ihm vorbeigelaufen, ohne ihn »eines Blickes zu würdigen«. Der Neokonservative Richard Perle nannte Hersh einmal einen »Zeitungsterroristen«.

Zuversicht bei allen Widrigkeiten des Klick- und Google-Journalismus unserer Tage gibt das Versprechen des heute 81jährigen: »Natürlich versuche ich es trotzdem weiter.« Mit Spannung warten wir auf sein Enthüllungsbuch über Cheney.

Seymour Hersh: Reporter. Der Aufdecker der amerikanischen Nation. Salzburg 2019, Ecowin-Verlag, 432 Seiten, 28 Euro

Mehr aus: Medien