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Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 8 / Feuilleton
Feminismus im Kapitalismus

»Man kann keinen Film machen, der allen gefällt«

Unternehmensberaterin, fürsorgende Schwester, Lesbe: Film zeigt verschiedene Frauenrollen. Ein Gespräch mit Marie Kreutzer
Interview: Gitta Düperthal
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Szene aus Marie Kreutzers Film »Der Boden unter den Füßen«

Beim Internationalen Frauenfilmfestival in Dortmund wurde in der vergangenen Woche Ihr Film »Der Boden unter den Füßen« gezeigt, der ab Mai in deutschen Kinos zu sehen sein wird. Darin geht es um gleich drei Handlungsstränge: Hauptfigur Lola ist Unternehmensberaterin, deren psychisch kranke Schwester ihren sozialen Einsatz fordert und die zudem eine Affäre mit ihrer Vorgesetzten hat. Überfordern Sie Ihr Publikum?

Der Film zeigt einen Querschnitt von Lolas Leben mit vielfältigen Beziehungen und Baustellen. Genau diese permanenten Herausforderungen sind Thema meines Films. Lola steht ständig unter Leistungsdruck. Sie strebt an, die perfekte Frau in Beruf und Partnerschaft zu sein und versucht zugleich, ihre Schwester zu versorgen. Frauen sollen in der Karriere, in der Familie und in Freundschaften Höchstleistungen bringen und dabei auch noch gut aussehen. Das kritisiere ich an der kapitalistischen Gesellschaft: Dass wir dauernd erklärt bekommen, immer mehr zu brauchen und dafür auch ständig mehr tun zu müssen. Wer viel arbeitet, muss zusätzlich zum Sport gehen und sich fit halten, vernachlässigt aber dadurch eventuell sein Kind. Wo ist überhaupt noch Platz für eigene Bedürfnisse? Im Film erodiert dieser durchorganisierte Lebensstil.

Unternehmensberaterin ist eigentlich gar kein Beruf, sondern Ausdruck einer besonders zynischen Spielart im Kapitalismus, um bei Bedarf die Entlassungen von Beschäftigten eines Betriebs zu rechtfertigen. Oder wie sehen Sie das?

Ich habe diesen Beruf für die Hauptfigur meines Films gewählt, weil er im Kontrast zum Privatleben von Lola steht. Ohne den ständigen Druck, sich in Konkurrenz zu vergleichen und sich dadurch minderwertig zu fühlen, würde der Kapitalismus nicht funktionieren. Im Leben der psychisch kranken und suizidgefährdeten Schwester geht es dagegen ums bloße Überleben und Versorgtwerden. Was Lola in ihrem Berufsfeld unternimmt, sehe ich persönlich kritisch, wie viele andere auch. Diese Leute sehen sich aber nicht als böse Kapitalisten. Sie nehmen sich ernst und viele meinen, das Richtige zu tun. Als Lola im Film von beschäftigten Frauen angegriffen wird, weil sie deren Arbeitsplätze zerstöre, rechtfertigt sie sich: Würde ich das nicht machen, gäbe es in zwei Jahren diese Firma nicht mehr.

Wollen Sie im Film zeigen, dass der Kapitalismus gescheiterte Biographien hervorbringt?

Lola kann nur noch sehr begrenzt auf ihre Schwester eingehen. Mir war wichtig, die Ähnlichkeit ihres Handelns im Job und in der Beziehung zu ihrer Schwester aufzuzeigen: Sie versucht jeweils produktiv und effizient zu sein, alles möglichst schnell und bequem zu lösen. Mit der Schwester setzt sie sich oberflächlich auseinander; genau so viel, dass man ihr nichts vorwerfen kann.

Welche Reaktionen gab es auf den Film?

Im Vorfeld waren die Förderer des Films einhellig der Meinung, dass es ein spannendes Drehbuch ist. Nach erster Sichtung waren sie irritiert. Einer hat angedeutet, mit dem Film würde ich mir meine Karriere versauen. Anders als meine beiden vorherigen Filme ist »Der Boden unter den Füßen« keine Komödie oder Tragikomödie – obwohl auch die nicht nur zum Lachen, sondern auch gesellschaftskritisch waren.

War zu befürchten, dass die Finanzierung des Films platzt?

Solche Überlegungen stelle ich nicht an. Einen Film zu machen, der allen gefällt, funktioniert nicht. Natürlich lasse ich mich inspirieren oder korrigiere Dinge. Aber wer sich von jeder Kritik verunsichern lässt, ist für den Beruf ungeeignet.

Teile des Filmplots sind autobiographisch, Ihre Tante war psychisch krank. Haben Sie wie die Filmfigur Lola dies verleugnen müssen?

Nein. Ich war beim Schreiben des Drehbuchs Studentin an der Filmhochschule, in meiner Welt war das nicht notwendig. Ich hatte aber oft das Gefühl, damit selbst nichts zu tun haben zu wollen, was mir Schuldgefühle bereitete: Wie sehr sind wir unserer Familie verpflichtet?

Marie Kreutzer ist Regisseurin und Drehbuchautorin aus Österreich

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