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Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 5 / Inland
Verbraucherschutz

Zu schön, um wahr zu sein

Betrugsverdacht gegen »Dexcar«. Über Schneeballsystem wurden kostenlose Mietwagen versprochen. Von 40.000 Autos nur 500 geliefert
Von Efthymis Angeloudis
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Autos stehen auf dem Münchner Ring im Stau (11.2.2019)

Mit einer geringen Einmalzahlung und zwei Jahren Wartezeit kann man 24 Monate lang ein neues Mietauto fahren – inklusive Kfz-Steuer, Wartung, Versicherung und Reifenwechsel. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Dann ist es das meistens auch. Mit dem Versprechen vom kostenlosen Auto soll die Firma »Dexcar« Zehntausende Menschen in mehreren europäischen Ländern betrogen haben, berichteten ARD und Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf Behördenangaben am Montag. Potentielle Kunden mussten dem Essener Autoverleih eine Summe zwischen 547 und 1.950 Euro überweisen, um an ihr ersehntes »Gratis«-Auto zu kommen.

Was durch den Autovermieter dabei als Carsharing durch Crowdfunding vermarktet wurde, also der gemeinsame Gebrauch eines Pkw finanziert durch Spenden, soll sich als illegales Schneeballsystem entpuppt haben, mit dem immer mehr Menschen angelockt werden sollten. Als Schneeballsystem oder Pyramidensystem werden Geschäftsmodelle bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen, wie eben ein den Hang hinab rollender und dabei stetig wachsender Schneeball. So konnte man bei »Dexcar« die Wartezeit von zwei Jahren verringern, indem man weitere Kunden für den Autoverleih anwarb.

»Dexcar«-Geschäftsführer Marco Gai bestätigte am Montag die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Zuvor hatte er gegenüber der Süddeutschen Zeitung alle Vorwürfe zurückgewiesen. Seine Firma sei Opfer einer Verleumdungskampagne. Ein früherer »Dexcar«-Mitarbeiter sagte laut WDR aus , dass 40.000 Autos bestellt, aber nur 500 ausgeliefert worden seien. In Italien und Österreich laufen deshalb staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen das Unternehmen. Die italienische Wettbewerbsbehörde verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 400.000 Euro, gegen die »Dexcar« laut eigenen Angaben Einspruch einlegte.

Die Firma behauptet nach wie vor, dass es sich bei ihrem System in Wirklichkeit um eine besonders intelligente Form der »Sharing Economy« handelt, bei der man auf den Besitz einer Ware verzichtet und diese statt dessen mit anderen teilt. Die gemeinsame Nutzung von Autos soll zum Beispiel dazu beitragen, den übermäßigen Verbrauch und seine Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren. Auf diesem Geschäftsmodell basieren Carsharing-Dienste wie »Drive Now« oder »Car to go«.

In vielen Fällen scheint die »Sharing Economy« aber die Probleme, die sie lösen wollte, weiter zu verschlechtern. So werben die Anbieter der Carsharing-Dienste vor allem damit, dass sie eine ökologische Alternative seien. Studien aus den USA wiederum belegen, dass viele Menschen von öffentlichen Verkehrsmitteln durch diese Dienste auf das Auto umgestiegen sind. Die gemeinsame Nutzung von Autos führte also zu mehr statt zu weniger Verkehr. Nichtsdestotrotz konnte »Dexcar« den Wirbel um Carsharing ausnutzen, um potentielle »Kunden« für seinen vermeintlichen Betrug anzulocken. Dabei wird in den meisten Schneeballsystemen nicht ein Auto, sondern hohe Renditen oder ein dauerhaftes Einkommen versprochen.

In »sozialen Netzwerken« und im Internet werben fragwürdige Anbieter mit Begriffen wie »Spende«, »Altersvorsorge«, »Marketing« oder »Crowdfunding«. Dazu liegen den Verbraucherzentralen Beschwerden aus elf Bundesländern zu unterschiedlichsten Anbietern vor. Laut der Initiative »Marktwächter« der Verbraucherzentrale Hessen, die über 50 Anbieter überprüft hat, fehlte in mehr als der Hälfte der Fälle das Impressum. Mehr als zwei Drittel der untersuchten Internetdomains wären im Ausland registriert, davon sogar mehrere bei ein und derselben Postfachadresse in Panama.

Die Recherchen des »Marktwächter«-Teams ergaben außerdem, dass bei Facebook ein Like unter einem Beitrag genügt, um direkt vom Anbieter kontaktiert zu werden. Über den Facebook-Messenger werden anschließend Handynummern ausgetauscht, die Zutritt zu Whats-App-Gruppen verschaffen. Die Verbraucherzentrale Hessen warnt deshalb vor betrügerischen Angeboten, die sich online als simple, seriöse und renditestarke Geldanlage präsentieren.