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Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Aufklärung

Von Arnold Schölzel
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Vollender und Überwinder der Aufklärung – Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Porträt von Friedrich Julius Ludwig Sebbers, o. D.)

Im Deutschen bezeichnet Aufklärung vor allem die Ideologie und Literatur des vorrevolutionären Bürgertums in Europa. Im Englischen wird sie als »Enlightenment« bezeichnet, im Französischen »Les Lumières«, im Italienischen »Illuminismo«, im Spanischen »Illustración« und im Russischen »Prosweschtschenje«. Die Aufklärung war Ausdruck des Kampfes gegen den Feudalismus und der Emanzipation vom christlich-theologischen Welt- und Menschenbild. Bedeutende Anstöße waren die Eta­blierung des mechanistischen Weltbildes der klassischen Physik, vor allem durch Isaac Newton (1643–1727), und die industrielle Revolution. Ein Hauptschlagwort war »Kritik«. Entsprechend den nationalen Gegebenheiten verlief die Aufklärung unterschiedlich.

In England begann sie Ende des 16. Jahrhunderts mit dem Begründer der modernen Wissenschaft Francis Bacon (1561–1626). Philosophen wie Thomas Hobbes (1588–1679) oder John Locke (1632–1704) systematisierten seine Auffassungen. In England entwickelte sich im Anschluss an die sensualistische Erkenntnistheorie Lockes (»Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war.«) nach der »Glorreichen Revolution« von 1688 eine materialistische Denkschule. Insbesondere der agnostische David Hume (1711–1776) formulierte mit seiner Flucht in die Empirie den Standpunkt der nachrevolutionären Bourgeoisie. An ihn knüpfte der Ökonom Adam Smith (1723–1790) mit seiner grundlegenden Untersuchung über den »Wohlstand der Nationen« an.

In Frankreich fand die Aufklärung ihre radikalste Form. Sie war bestimmt vom Kampf gegen die absolutistische Monarchie und die katholische Kirche. Prägend waren die Schriften von Pierre Bayle (1647–1706), der eine Gesellschaft von Atheisten ankündigte, und von Bernard Le Bovier de Fontenelle (1657–1757), der an die Stelle zyklischer Geschichtstheorien die Vorstellung vom Fortschritt durch Erfahrung und Erkenntnis setzte. Voltaire (1694–1778) und Montesquieu (1689–1755) waren richtungweisend für den Kampf um eine Emanzipation des »dritten Standes«. Mit dem Auftreten von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) und philosophischen Materialisten wie Julien Offray de La Mettrie (1709–1751), Denis Diderot (1713–1784), Claude Adrien Helvétius (1715–1771) und Paul Thiry d’Holbach (1723–1789) wurde faktisch die Losung der Revolution von 1789, »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, vorweggenommen.

Die deutsche Aufklärung begann als Kritik des Duodezfeudalismus und der Dogmen der christlichen Orthodoxie durch Anhänger Spinozas und durch die Pietisten. Beherrschend blieb aber in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die im Anschluss an Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) entwickelte rationalistische Metaphysik Christian Wolffs (1679–1754). Erst mit Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) und Christoph Martin Wieland (1733–1813) traten Autoren auf, die sich direkt auf Rousseau und Diderot bezogen. Mit dem »Sturm und Drang«, der Weimarer Klassik in der Literatur und der deutschen klassischen Philosophie, mit Immanuel Kant (1724–1804), Johann Gottlieb Fichte (1762–1814), Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) und vor allem der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) methodisch dargestellten Dialektik, erreichte die deutsche Aufklärung ihren Höhepunkt. Nicht wenige Denker setzten ihre Bedeutung mit der der französischen Revolution gleich. Kant hatte 1784 in »Was ist Aufklärung?« definiert, diese sei »Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit«.

Daran knüpfte vor allem der Sozialismus an. Parallel zu ihm entstanden in Europa um 1800 Strömungen der Gegenaufklärung. Sie sind insbesondere mit Liberalismus und Konservatismus verbunden, die für den Erhalt der bürgerlichen Eigentums- und Machtverhältnisse kämpfen. Diese drei Richtungen sind seit rund 200 Jahren bestimmend für die geistigen und politischen Auseinandersetzungen, in denen sich die Klassenkämpfe spiegeln.

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