Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Freitag, 24. Mai 2019, Nr. 119
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Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Ein Frühlingsmenü für lange Tage

Von Wiglaf Droste
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Das Wichtigste: Küsse (viele). Zeit haben – also sie sich nehmen. Zusammen in der Küche sein. Sprechen. Über alles, das zählt: Wie man wurde, der man ist. Wie es weitergehen kann. Wie man den Kapitalismus weghaut. Oder ihm wenigstens ein Schnippchen schlägt. (In die Eier treten kann man Kapitalisten nicht; wo nichts ist, kann man keinen Treffer landen.) Gemeinsam arbeiten – schneiden, schälen, rühren, was eben anfällt. Alles selber machen. Wissen, dass man für das lange geackert hat und dass man so etwas nicht alle Tage macht. Schmarotzerei und Dekadenz sind abstoßend; selbst erarbeitete Freude ist ein Genuss. (Psychologen – Betonung auf logen – labern von einem »Belohnungssystem«. Bullshit, forget it.)

Rosen auf den Tisch stellen. (Tulpen oder Ranunkeln und selbst Veilchen sind auch schön.) Das Besteck polieren und den Tisch eindecken.

Musik in den Player: Bryan Ferry, Bob Dylan, Ralph Schüller, Danny Dziuk, Miles Davis

Getränke kühlen: Johannisbeersaft, Apfelsaft, Wasser, Crémant, Weißwein, gutes Bier

Schürzen anziehen, einander fest umarmen und küssen, und nach einem High Five mit dem großen Lächeln, das nur die Liebe erzeugt, loslegen:

Frische Erdbeeren, leicht gebraunzuckert

Suppe aus roter und gelber Paprika, Tomaten, Stangensellerie, Möhren, Zwiebeln, Knoblauch (lange einblubbern lassen und dann gut würzen)

Spargel (klassisch, ohne Sauce-Hollandaise-Tamtam)

Pellkartoffeln mit Meersalz und Butter

Gurkensalat, mit kleiner roter Zwiebel und Krabben

Champignons mit warmem Gorgonzola

Matjes (allein schon um dieses schönen Wortes willen)

Selbstgemachte Pommes frites mit Muscheln

Garnelen in Knoblauchöl, mit Piri Piri und Kreuzkümmel, Curry ist kein Übel

Spaghetti in Olivenöl mit Gartenkräutern; Estragon ist sehr gut, Thymian nicht minder, auch Herr Basilikum ist ein Freund des Hauses

Käse, Anna nass, heißer Rhabarber, Orangen, Weintrauben

Pannacotta, gut gekühlt

Espresso

(Wer ein Fleisch braucht: Ein gutes Entrecôte mit ordentlich Fettrand ist oft besser als ein Filet.)

Immer Pause machen und zwischen jedem Gang ein schönes Gedicht lesen oder ein Lied singen. Sprechen. Und küssen, küssen, küssen.

Im Garten noch eine kubanische rauchen und in den besternten Himmel kucken; darüber staunen, dass der Himmel immer wieder und immer noch hinreißend ist; später einen Film anschauen (Roman Polanski, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, John Ford, alles mit Peter Lorre). Schmiegen, streicheln, küssen, und dann zusammen ins Bett. Und das wenigstens drei Tage lang.

Und niemals das Küssen vergessen.

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