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Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 8 / Ansichten

Erkämpftes verteidigen

Streiks in der Druckindustrie
Von Daniel Behruzi
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Die großen Verlage fahren Gewinne ein. Arbeiterinnen und Arbeiter sollen für die Branchenkrise zahlen

Es ist ein erbitterter Abwehrkampf, den die Beschäftigten der Druckindustrie von einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt seit Monaten führen. Am Dienstag machten sie mit einem Aktionstag darauf aufmerksam, dass der Flächentarifvertrag in dieser traditionsreichen Branche weiterhin zur Disposition steht. Die Unternehmen machen Lohnerhöhungen davon abhängig, ob die Gewerkschaft Verdi Verschlechterungen beim Manteltarifvertrag hinnimmt. Damit würde eines der fortschrittlichsten Tarifwerke in Deutschland geschreddert. Doch die Belegschaften, die davon noch profitieren, halten tapfer dagegen. Immer wieder legen sie die Arbeit nieder. Damit haben sie nach wochenlanger Funkstille immerhin erreicht, dass wieder auf zentraler Ebene verhandelt wird, das nächste Mal am 2. Mai.

In den 1970er und 80er Jahren waren die Drucker die Avantgarde der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Im Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche 1984 setzten sie ein besseres Ergebnis durch als der große Bruder IG Metall. Und nicht nur das: Mit den Vereinbarungen zu Maschinenbesetzungen und zum Facharbeiterschutz gelang es, per Tarifvertrag unmittelbar in die Verfügungsgewalt des Unternehmers über den Arbeitskräfteeinsatz einzugreifen. Jetzt geht es um die Verteidigung dieser tarifpolitischen Errungenschaften – unter völlig geänderten Vorzeichen.

In früheren Zeiten konnten ­Drucker und Setzer durch kollektive Aktionen komplett verhindern, dass Zeitungen und andere Druckerzeugnisse ausgeliefert wurden. Heute führen Arbeitsniederlegungen in der Regel lediglich zu einer ungewohnten Seitenfolge oder zum Wegfall einzelner Seiten. Die technische Entwicklung macht es den Firmen sehr viel leichter, Streiks zu umgehen. Die Beschäftigten haben an Produktionsmacht verloren, sie sind leichter zu ersetzen.

Ausdruck und Folge dessen ist die nachlassende Tarifbindung: Heute ist nur noch eine Minderheit der Druckbetriebe vom Flächentarif erfasst. Befördert haben dies die Unternehmerverbände selbst, die entgegen ihrer eigentlichen Funktion die Möglichkeit für Mitgliedschaften ohne Tarifbindung geschaffen haben. Und danach beschweren sich tarifgebundene Firmen über die Billigkonkurrenz der tariflosen Wettbewerber!

Der Zeitungsdruck ist eine langsam dahinsiechende Branche. Blätter werden eingestellt, Auflagen sinken kontinuierlich, Umfänge werden gekürzt. Es ist bemerkenswert, wie entschlossen die Drucker in dieser Lage an ihren erkämpften Rechten festhalten. Lange haben sie Breschen geschlagen, von denen auch andere profitierten, zum Beispiel bei der Arbeitszeitverkürzung. Jetzt ist es an der Zeit, zurückzugeben. Die ­Drucker brauchen Solidarität.

Die großen Verlage fahren immer noch Gewinne ein. Doch die Arbeiterinnen und Arbeiter sollen für die Branchenkrise zahlen. Es geht um Verteilung und Gerechtigkeit. Das in der Öffentlichkeit zum Thema zu machen, könnte helfen, die nachlassende Produktionsmacht der Druckereibeschäftigten auszugleichen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Jan Schulze-Husmann: Jede Gelegenheit nutzen Der Kommentar bringt es auf den Punkt. Solidarität mit den Streikenden in der Druckindustrie ist jetzt geboten. Der 1. Mai bietet hier eine hervorragende Gelegenheit. Gerade um dem berechtigten Anlieg...

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