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Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 5 / Inland
Gesundheit

Suchtprävention für die Wirtschaft

Millionen Beschäftigte sind gefährdet. Vorbeugung soll vor allem Unternehmen helfen
Von Efthymis Angeloudis
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Trösterchen Alkohol zwingt die gesundesten Beschäftigten auf Dauer in die Knie (7.9.2009)

Millionen Beschäftigte in Deutschland sind nach Angaben der Krankenkasse DAK-Gesundheit suchtgefährdet. Mit ihnen leide der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) zufolge die deutsche Wirtschaft. Der Krankenstand in Deutschland habe 2018 mit 4,2 Prozent den höchsten Stand seit 2010 erreicht, konstatierte die DAK am Dienstag bei der Vorstellung ihres Krankenkassenreports in Berlin. Besonders anfällig für Fehltage durch psychische Erkrankungen seien laut dem Bericht Erwerbstätige mit Suchtproblemen. In dieser Gruppe gehe man von einem Krankenstand von mehr als 7,6 Prozent aus, während man bei Erwerbstätigen ohne sogenannte Substanzstörung nur einen Krankenstand von 3,8 Prozent erreiche. Menschen mit Suchtproblemen seien somit doppelt so oft krank wie ihre nicht von solchen betroffenen Kollegen.

Nach Angaben des DAK-Gesundheitsreports »Sucht 4.0« hat jeder zehnte Beschäftigte einen riskanten Alkoholkonsum – hochgerechnet betreffe das vier Millionen Menschen. Erstmals untersucht der Report außerdem das Thema Computerspielsucht in der Arbeitswelt. Auch hier sollen rund 2,6 Millionen Erwerbstätige ein »riskantes Nutzungsverhalten« haben. Beschäftigte mit »Substanzstörung« fehlten aber nicht deswegen öfter im Job, weil sie wegen ihrer Suchtproblematik krankgeschrieben würden. Vielmehr zeigten sich bei ihnen in allen Diagnosegruppen mehr Fehltage. Besonders deutlich sei der Unterschied bei den psychischen Leiden. Hier seien es mehr als dreimal so viele Fehltage.

Außerdem seien Beschäftigte mit Suchtproblemen häufig unkonzentrierter im Job oder kämen zu spät. Alkoholsüchtige würden somit laut Marlene Mortler negative Folgen für ihren Betrieb mit sich bringen: »Sie leisten weniger, belasten Unternehmer und Kollegen.« In bezug auf Alkohol würden 160.000 Erwerbstätige als abhängig gewertet, allerdings habe jeder zehnte eine »Suchtvorstufe« erreicht. Die Auswirkungen würden sich dabei nicht nur auf das Leben und die Gesundheit der Erkrankten begrenzen, sondern könnten den Unternehmen schaden. Deswegen sollten sich Firmen der Suchtprobleme ihrer Angestellten annehmen. »Suchtprobleme kennen keine Stichuhr, keinen Feierabend.« Die Unternehmer hätten eine Fürsorgepflicht, die sie zum Handeln zwinge.

Obwohl Alkohol in 74 Prozent der Fälle für Krankschreibungen verantwortlich sei, ist Rauchen am Arbeitsplatz für die Bundesdrogenbeauftragte ebenfalls ein Riesenthema. »45 Prozent rauchen sogar während der Arbeitszeit, nicht in den Pausen«, empörte sich die CSU-Bundesabgeordnete. »Das werfe Fragen auf.« »Arbeitnehmer erkranken, fallen aus; manche sterben.« Dies koste die deutschen Unternehmen jedes Jahr 56 Milliarden Euro – 2,5mal soviel wie der gesamte Umsatz der deutschen Tabakindustrie. Laut dem Report der DAK-Gesundheit erfüllten 6,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland die Kriterien von Zigarettenabhängigkeit. Dazu zählten etwa der starke Wunsch zu konsumieren, Toleranzentwicklung und anhaltender Konsum trotz schädlicher Folgen.

Der vernünftige Umgang mit neuen Medien sei nicht nur wichtig für die Gesundheit, sondern auch »für den Erfolg unserer Unternehmen«. Computerspiele könnten verheerende Konsequenzen für die Arbeitswelt haben. Rund 2,6 Millionen Erwerbstätige zeigten der Studie zufolge ein riskantes Nutzungsverhalten. Jeder vierte davon spiele auch während der Arbeitszeit – bei Computerspielsüchtigen sogar jeder zweite. Auch in diesem Fall seien Betroffene oft unkonzentrierter bei der Arbeit, kämen zu spät oder würden häufiger krankgeschrieben.

Staat und Gesundheitssystem könnten diese Probleme nicht alleine angehen. »Es ist wichtig, die Suchtprävention in den Betrieben zu stärken«, sagte Mortler. Suchtprobleme könnten nur durch Offenheit bewältigt werden. Deswegen forderte die Drogenbeauftrage mehr Offenheit. »Es darf kein Tabu mehr sein, über Sucht zu sprechen«, so die CSU-Politikerin. Auch von der Wirtschaftspolitik wünscht sich Mortler mehr Unterstützung. »Suchtprävention ist nicht gegen die Wirtschaft, sondern für die Wirtschaft.«

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