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Aus: Ausgabe vom 16.04.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Nahrung, Genuss, Gaststätten

Auf die Kraft der Streikenden gesetzt

Tarifeinigung bei Coca-Cola: Lohnerhöhung als Festbetrag. Keine Flexibilisierung der Arbeitszeit
Von Hans Janda
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Angriffe seitens der Unternehmer sind abzuwehren, wenn die Arbeiter zusammenstehen: Protest der Coca-Cola-Beschäftigten am 27. März in Berlin

Vor der vierten Verhandlungsrunde hatte die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) den Druck noch einmal erhöht. »Wenn Coca-Cola kein verhandlungsfähiges Angebot auf den Tisch legt, erklären wir die Verhandlungen am Freitag für gescheitert«, lautete die Botschaft von NGG-Verhandlungsführer Freddy Adjan am vergangenen Donnerstag. Dann wäre ein unbefristeter Streik wahrscheinlich geworden. In der Nacht zum Freitag einigten sich die Tarifparteien dann doch auf eine Gehaltserhöhung von 120 Euro monatlich für das gesamte Jahr 2019 und zusätzlich 90 Euro monatlich für das darauffolgende Jahr. Auszubildende erhalten in diesem Jahr 60 Euro mehr im Monat und weitere 45 Euro im kommenden Jahr.

Dem Ergebnis vorausgegangen waren ganztägige Arbeitsniederlegungen an allen 35 Coca-Cola-Standorten. Seit dem 27. März demonstrierten 2.200 Beschäftigte von Coca-Cola European Partners Deutschland in Warnstreiks ihre Geschlossenheit, wie Adjan am Donnerstag die Auseinandersetzung zusammenfasste. Einen Tag vor der vierten Tarifrunde, am Mittwoch, machten noch einmal 1.200 Kollegen auf den zentralen Streikkundgebungen in Dortmund und Hamburg klar, dass sie eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit ablehnen und die Lohnerhöhung als Festbetrag erhalten wollen.

Das ist erst einmal gelungen. Einerseits wurden alle Unternehmenstarifverträge, die etwa die Arbeitszeit und die Altersteilzeit regeln, der Manteltarifvertrag und der Strukturtarifvertrag bis Ende 2020 verlängert. Damit seien die Forderungen nach einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeit abgewehrt worden, wie Adjan am Freitag erklärte.

Des Weiteren bedeuten die Festbeträge für 2019 und 2020 gerade für die unteren Gehaltsgruppen, in denen die NGG die meisten Mitglieder hat, im Endeffekt eine Lohnerhöhung von mehr als vier Prozent in diesem und etwa drei Prozent im nächsten Jahr. Langjährige Mitglieder der Tarifkommission sagten am Freitag, dass die Belegschaft bei Coca-Cola heute eine ist, die sich aktiv mit Hilfe ihrer Gewerkschaft wehrt. Das sei nicht immer so gewesen. Die Auseinandersetzung zeige, dass der Angriff der Unternehmer abgewehrt werden kann und ansprechende Lohnerhöhungen durchsetzbar sind, wenn man auf die Kraft der Streikenden setzt.

Widerstand muss die Belegschaft aber weiterhin leisten, denn der Konzern baut in Europa weitere Arbeitsplätze ab. Deshalb arbeiten die Kollegen innerhalb Europas verstärkt grenzüberschreitend solidarisch zusammen. Aber auch weltweit will man näher zusammenrücken, wie es aus Gewerkschaftskreisen heißt. Gemeinsam mit der französischen Gewerkschaft CGT und der Rosa-Luxemburg-Stiftung bereitet die NGG eine Konferenz zu Coca-Cola vor, die Ende November in Paris stattfinden soll. Dort werden aus der ganzen Welt Gewerkschafter erwartet, die mit dem Getränkekonzern zu tun haben.

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