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Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Besetzer und Bedenkenträger

Chronik eines Überfalls (Teil 21), 18.4.1999: Bereitet die NATO den Bodenkrieg vor?
Von Rüdiger Göbel
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junge Welt vor 20 Jahren: Die Serben stehen zusammen gegen die NATO-Angriffe

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

In der US-Führung wächst offenbar die Entschlossenheit, die NATO-Aggression gegen Jugoslawien um den Krieg am Boden zu erweitern. Innerhalb weniger Tage sollen insgesamt 33.000 Reservisten der US-Streitkräfte für den Balkan-Einsatz mobilisiert werden. Die Regierungen europäischer Länder möchten – mit Ausnahme der britischen – nicht mitmarschieren. Noch nicht.

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Werner Pirker kommentiert in jW vom 17. April 1999: »Sehr bald schon wird die Welt von einer weiteren Untat des ›Balkan-Schlächters‹ Kenntnis nehmen, vom Überfall serbischer Militärs auf das kleine Albanien. Damit pünktlich zurückgeschossen werden kann, läuft in den USA bereits die Mobilmachung von Reservisten. So wird genau jener Flächenbrand auf dem Balkan entfacht, den zu verhindern die NATO-Strategen versprachen, als sie die Lösung der albanischen Frage zur Chefsache erklärten. Die Donau als wichtigste Wasserstraße Europas ist von den alliierten Bombern bereits unwegsam gemacht worden. Unter amerikanischem Kommando führt Europa Krieg gegen sich selbst.«

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Aus Protest gegen den Krieg hat die PDS das Kreiswehrersatzamt in Potsdam vorübergehend besetzt. Aus den Fenstern hängen Transparente mit Antikriegsparolen, etwa 60 Demonstranten blockieren den Eingang. Neben dem PDS-Bundesvorsitzenden Lothar Bisky macht auch die Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt mit – 2008 wird sie Mitglied der Kriegspartei SPD.

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Die Nachrichtenagentur AP meldet derweil: »Als erster PDS-Spitzenpolitiker hat Wahlkampfleiter André Brie kritische Töne zur Haltung seiner Partei im Kosovo-Konflikt geäußert.« Im Spiegel-Interview lehne er den NATO-Einsatz zwar entschieden ab, zugleich habe er Teilen seiner Partei eine »erschreckende Passivität« bei der Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen durch die serbische Regierung vorgeworfen. Die PDS dürfe keinen platten Pazifismus propagieren, »nur weil es jetzt gegen die NATO geht«. Brie mahne zur verbalen Zurückhaltung gegenüber SPD und Grünen. Diese könne man nicht als Kriegsparteien bezeichnen, das sei ein Vokabular, »das nur auf Hitler anwendbar war«. All denjenigen, die trotz Zweifeln für den NATO-Angriff seien, werde man so nicht gerecht.

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Während deutsche Soldaten jugoslawische Städte bombardieren, lässt sich der deutsche Außenminister nun doch in Frankfurt am Main trauen. Einen »herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit« schickt Jutta Ditfurth in jW an »Herrn Fischer«: »Sie (…) verharmlosen Auschwitz und die Greueltaten des NS-Faschismus, um diesen ersten deutschen Angriffskrieg auf einen souveränen Staat nach der Befreiung vom NS-Faschismus und um Tod und Zerstörung als human(itär)e Handlung zu veredeln – als sei dadurch den betroffenen Menschen zu helfen! Von Ihrem Charakter, viel wichtiger, von Ihrer Politik, war ich noch nie beeindruckt, aber dass Sie zum Sieg von Ernst Nolte & Co. beitragen würden, hätte selbst ich nicht gedacht. Sie helfen, die NS-Vergangenheit Deutschlands zu entsorgen.«

Nächster Teil am Wochenende: Reichstag eröffnet, Serben vergiftet

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