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Aus: Ausgabe vom 09.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Ohne Augenkontakt

Grandioses Konzert des kubanischen Jazzpianisten Roberto Fonseca in Neuhardenberg
Von Volker Braun

Aus dem oderländischen Der Blitz erfuhr ich, dass der kubanische Jazzpianist Roberto Fonseca ins Oderbruch kommt, um in Neuhardenberg in der Schinkel-Kirche zu spielen. Um es vorwegzunehmen: Kuba schenkte uns mit diesem Glücksboten ein musikalisches Erlebnis, das das eher kleine Publikum über die Maßen genoss.

Fonseca ist 35 Jahre alt und in Havanna geboren. Mit vier hatte er begonnen, Schlagzeug zu spielen, was sich im Konzert dadurch bemerkbar machte, dass er das Piano manchmal wie ein Percussioninstrument benutzte. Fonseca hat Komposition am Instituto Superior de Arte in Havanna studiert. Er spielte rund 400 Konzerte beim Buena Vista Social Club, wirkte im Orchester von Ibrahim Ferrer mit und arbeitete mit Musikern wie Herbie Hancock und Wayne Shorter. 2015 erkundete er zusammen mit der Sängerin Fatoumata Diawara die Verbindungen zwischen Mali und Kuba.

In Neuhardenberg nun spielte er in einem Trio, seine Virtuosität teilte er mit zwei anderen Habaneros, Kontrabass und Schlagzeug spielten die. Die drei einigten sich – immer auf Augenhöhe – mikrosekundengenau auf Wechsel und Brüche, anbrandende und sich zurückziehende Klänge. Ein Kontrabasssolo schlug das Publikum derart in seinen Bann, als wäre gerade etwas Lebenswichtiges geschehen. Die meiste Zeit spielte Roberto Alain Fonseca Cortés ohne Augenkontakt zur Tastatur, losgelöst von der Brücke »Auge-Gehirn-Muskulatur«. Einmal bediente er gleichzeitig mit der linken Hand einen Synthesizer und der rechten das Klavier – und zwar so schnell, dass man kaum hinterherkam.

Fonsecas Musik ist alterslos. Mit seinem Klavierspiel möchte er den Überfluss der Lebenseindrücke bändigen. Manchmal fühlt es sich so an, als warte ein Verliebter im Regen angespannt auf die Ankunft der Angebeteten. Er tanze seine Musik, sagt der Musiker. Zu dritt erhoben sie das Leben zu etwas, was es immer sein sollte – stifteten sie ein Werk freigeistiger Emotionalität. Am Ende fragte Fonseca:» Are you tired?« Selbstverständlich nicht.

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