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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Geschlecht und Klasse

Der »westliche« Blick

»Brot und Rosen«: Andrea D'Atri über Frauen in sozialen Kämpfen
Von Eleonora Roldán Mendívil
Rabotnitsa.jpg
Titelblatt der sowjetischen Frauenzeitschrift »Rabotniza« (1923)

»Brot und Rosen«, so lautete die Losung des 1912 geführten Textilarbeiterinnenstreiks in Lawrence, Massachusetts. Abgebildet wurde damit die Forderung nach Lohnerhöhung und besseren Arbeitsbedingungen, wie die Argentinierin Andrea D'Atri in ihrem gleichnamigen Buch schreibt. Zuerst 2004 in spanischer Sprache veröffentlicht, 2013 überarbeitet und ergänzt, ist nun die deutsche Übersetzung erschienen.

In zehn Kapiteln zeichnet D'Atri die Geschichte und die zentralen Debatten primär von kämpfenden Frauen im »Westen« nach. Die Geschichtserzählung beginnt im 18. Jahrhundert mit den Getreideaufständen und der Französischen Revolution, beschäftigt sich mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen und revolutionären Proletarierinnen in Europa und den USA im 19. und 20. Jahrhundert und schließt mit den Debatten um Postmodernismus und Intersektionalität ab.

Besondere Beachtung erhalten die Mädchen und Frauen, die an vorderster Front streikten und kämpften: die Frauen im englischen Essex, die 1709/1710 gemeinsam mit den Minenarbeitern und den Fischern Aufstände gegen ihre schlechten Lebensbedingungen organisierten, die Frauen im Norden Frankreichs, die im sogenannten »Mehlkrieg« 1774/1775 gegen die hohen Mehlpreise protestierten, die Frauen der proletarischen Elendsviertel von Paris, die 1789 vor dem Rathaus Brot verlangten, schließlich die Frauen der russischen Revolution von 1917.

Andrea D'Atri schafft es, in einer zugänglichen Sprache über verschiedene Epochen zu erzählen und dabei immer wieder die Protagonistinnen zu Wort kommen zu lassen. Ein ganzes Kapitel widmet D'Atri der französisch-peruanischen Frühsozialistin Flora Tristan, eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Intellektuelle der Arbeiterklasse, die mit ihrem Essay Die Notwendigkeit der guten Aufnahme ausländischer Frauen (1835) und ihrem Manifest Die Arbeiterunion (1843) manche Einsichten des Manifests der Kommunistischen Partei vorwegnahm.

Leider thematisiert das Buch Kämpfe von Frauen im globalen Süden nur dann, wenn sie – wie in Argentinien nach der italienischen Massenimmigration – Methoden der »westlichen« Arbeiterbewegung anwandten. Die Sklavenrevolution in Haiti 1791 wird zum Beispiel völlig ausgeklammert. Rassismus wird zwar benannt, jedoch nicht erklärt. In der Behandlung von Postmodernismus, Postmarxismus und Postfeminismus treten zudem bedauerliche analytische Schwächen zutage. Anstelle einer dialektischen Diskussion der Beiträge von feministischen Theoretikerinnen wie Judith Butler wird vereinfacht und anhand einzelner Zitate eine Generalabrechnung versucht, die einer genaueren Überprüfung nicht standhält. Einige zentrale Aspekte marxistisch-feministischer Debatten fehlen ganz. Trotzdem ist »Brot und Rosen« ein wichtiger Beitrag zur Einführung in das Thema Geschlecht und Klasse im westlichen Kapitalismus.

Andrea D'Atri: Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus. Argument-Verlag, Hamburg 2019, 253 Seiten, 15 Euro

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