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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 8 / Ansichten

Retrostaatsanwalt des Tages: Martin Zschächner

Von Nico Popp
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Zeitloses Kleidungsstück: die Robe

Als der Statistiker Emil Julius Gumbel 1922 eine Übersicht politischer Morde in den ersten Jahren der Republik zusammenstellte, kam er beim Durchzählen der Tötungsdelikte auf 354 Morde »von rechts« und 22 »von links«. Von letzteren waren 17 (77,3 Prozent) vollständig und einer zum Teil »gesühnt«: mit zehn Hinrichtungen, 248 Jahren und neun Monaten Gefängnis sowie drei lebenslänglichen Zuchthausstrafen. Von den Taten der »Rechtsstehenden« waren eine einzige (0,28 Prozent) ganz und 27 zum Teil gerichtlich geahndet worden. Und zwar so: keine Hinrichtung, 90 Jahre und zwei Monate Gefängnis, in Summe 730 Mark Geldstrafe und einmal lebenslänglich Zuchthaus. 23 geständige rechte Täter hatten die Gerichte freigesprochen. Seither weiß man: Die Justiz der Republik von Weimar hat die radikale Linke erbarmungslos verfolgt, die protofaschistische Rechte aber liebevoll betreut. Das große Warmlaufen für 1933.

Die Kader dafür sind auch heute vorhanden. Die Posse um das mittlerweile eingestellte Ermittlungsverfahren der Geraer Staatsanwaltschaft gegen das »Zentrum für politische Schönheit« ist, gewiss sehr zum Verdruss der Berliner Posen-Profis, im Laufe der vergangenen Woche zu einer Skandalsaga um den ermittelnden Staatsanwalt Martin Zschächner mutiert. Der verfolgt, wie sich jetzt herausstellt, offenbar seit Jahren mit – so ein Berliner Rechtsanwalt – »fanatischem« Eifer Linke jeder Couleur, stellt Verfahren gegen Rechte aber mit bizarren Begründungen ein.

Zschächner, berichten ehemalige Kommilitonen, sei in seiner Heidelberger Studienzeit als »Jura-Nazi« bekannt gewesen, in Klamotten aus den 1920er und 1930er Jahren herumgelaufen und habe sich als »kaisertreu« bezeichnet. Wer denn den »zum Staatsdienst zugelassen« habe, fragte einer via Twitter: »Jemanden, der nur 50 Prozent so links ist wie der rechts, würde man nie einstellen.« Ein abwegiges Lamento. Wer nur halb so links ist wie Zschächner rechts, will garantiert nicht Staatsanwalt werden.

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