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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 2 / Ausland
Rekolonisierung des Sahel

»Es herrscht ein Klima der Unsicherheit«

Im Niger sterben trotz ausländischer Militärpräsenz immer mehr Zivilisten bei terroristischen Anschlägen. Ein Gespräch mit Moussa Tchangari
Interview: Ina Sembdner
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Unter Aufsicht: Soldaten aus dem Niger bei einer Übung unter US-Kommando (Ouallam, 18.4.2018)

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lager im Niger?

Die Situation ist sehr schwierig, vor allem für die einfachen Leute, die besonders unter der schlechten Sicherheitslage leiden. Vor allem der Westen des Landes an der Grenze zu Mali hat sich destabilisiert. Es herrscht ein Klima der Unsicherheit mit Angriffen terroristischer Gruppen. Tausende von Menschen werden gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen. In der Region Diffa an der Grenze zum Tschad gibt es rund 100.000 Menschen, die innerhalb des Landes vertrieben wurden. Die Lage ist aber nahezu im ganzen Land schwierig, es gibt Konfliktzonen und andere Zonen wie die Hauptstadt Niamey mit extremer Armut. Mehr als zwei Millionen Menschen haben kaum Zugang zu staatlicher Unterstützung.

Wie bewerten Sie die starke ausländische Militärpräsenz im Land?

Niger ist zu einer Art Treffpunkt für ausländische Mächte geworden. Da gibt es Frankreich, das seine ganzen alten Basen reokkupiert hat, vom Luftstützpunkt in Niamey bis zur Militärbasis in Madama, südlich der libyschen Grenze. Die USA haben ungefähr 1.000 Soldaten stationiert und bewaffnete Drohnen, die im Land operieren können. Wir haben die italienische Armee mit 300 bis 400 Soldaten und auch das deutsche Militär als Unterstützung für die UN-Mission Minusma in Mali. Und trotz dieser Präsenz hat sich die Sicherheitslage nicht verbessert. Das setzt diese Mächte nach einigen Jahren des »Kampfes gegen den Terror« unter Druck, und es stellt sich die Frage: Wo sind die Resultate? In Diffa gab es erst im März einen terroristischen Angriff mit mehr als 80 getöteten Zivilisten. Deswegen sind alle davon überzeugt, dass die ausländischen Streitkräfte nicht da sind, um wirklich gegen den Terrorismus zu kämpfen.

Weswegen sind sie Ihrer Meinung nach da?

Sie sind da, um die Kontrolle über die Länder des Sahel zu übernehmen. Den Menschen in Niger wird immer klarer, dass sie ihre eigenen Interessen verteidigen. Wir haben uns daher zusammengeschlossen, um regelmäßig zu demonstrieren und den Abzug der ausländischen Truppen zu fordern. Für uns sind sie imperialistische Mächte, die nur von der Unsicherheit des Sahel profitieren, um die Länder zu rekolonisieren und sich deren Ressourcen zu sichern. Da gibt es für uns keinen Zweifel. Wahrscheinlich geht es auch darum, den Norden des Sahel abzusichern. Libyen wurde von den gleichen Mächten zerstört, die jetzt hier sind. Also sind sie auch in Niger, um Kontrolle über das Geschehen in Libyen zu haben.

Niger gehört zu den ärmsten Ländern weltweit. Gibt es finanzielle Nachteile für ihr Land durch die Militärbasen?

Es gibt derzeit 15 Militärbasen im Land. Und auch wenn beispielsweise die US-Amerikaner ihre Basis in Agadez mit eigenen Mitteln aufbauen und ausstatten, bezahlen sie keine Steuern, wenn sie etwas erwerben. Und dieses Geld fehlt der öffentlichen Hand. Wenn ich ein Auto aus Deutschland kaufe und es in den Niger einführe, bezahle ich Steuern. Aber wenn die amerikanischen Streitkräfte etwas kaufen wollen – für ihre eigenen Interessen –, zahlen sie nichts. Das ist das Geld, das der Staat verliert, Milliarden an CFA-Franc. Zusammengefasst heißt das: Wir öffnen die Tür, damit sie kommen und uns kolonisieren. Das ist sehr ernst in dieser Phase.

Zuletzt haben Sie am 16. März in Niamey demonstriert. Wie verankert ist Ihre Bewegung in der Gesellschaft?

Die Menschen verstehen immer mehr, dass die Militärbasen für etwas anderes als für die Sicherheit der Bevölkerung da sind. Die Zahl an Menschen, die zur Demonstration geht, ist demnach ein Indikator dafür, was sich im Land dagegen organisiert. Die Militärbasen nützen niemandem außer der Regierung, die ihre eigenen guten Gründe dafür hat, die ausländischen Mächte zufriedenzustellen. Die Militärpräsenz sichert die Regierung gegenüber der Bevölkerung ab. Am 14. April wird es die nächsten großen Demonstrationen im ganzen Land geben.

Hat sich die Repression im Laufe der Proteste verstärkt?

Wir leben mit der Repression. Im vergangenen Jahr gab es Verhaftungen. Es wurden einige von uns weggesperrt, und zwei unserer Kameraden sitzen noch immer im Gefängnis. Aber wir werden den Kampf weiterführen, auch wenn wir wissen, dass wir verhaftet werden können. Das ist kein Grund für uns, den Mut aufzugeben. Wir haben keine Wahl, wir werden weitermachen.

Moussa Tchangari ist Vorsitzender der nigrischen Bürgerrechtsorganisation »Alternatives Espaces Citoyen«

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