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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 15 / Geschichte
Arbeiterbewegung

Rote Fahnen über Limerick

Eine fast vergessene Geschichte – vor hundert Jahren gründeten die Arbeiter der irischen Stadt einen Sowjet
Von Florian Sieber
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Der Arbeiterrat von Limerick, der im April 1919 für kurze Zeit die Geschicke der Stadt in die Hand nahm

In »Die Asche meiner Mutter« beschreibt der irisch-amerikanische Schriftsteller Francis McCourt seine Kindheit in der von Armut und katholischer Kirche gegeißelten westirischen Stadt Limerick. Die Schilderungen von prügelnden Priestern und Lehrern sowie Hunger und Tod beginnen in den 1930er Jahren. Limerick, so der Eindruck, befindet sich fest in den Händen der gesellschaftlichen Reaktion. Umso überraschender ist, dass die Stadt fünfzehn Jahre zuvor das Zentrum der irischen Rätebewegung war.

Begonnen hatte alles mit dem Versuch einer Gefangenenbefreiung. Bei einer Hausdurchsuchung waren bei dem Gewerkschafter und Adjutanten der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) Robert Byrne ein Revolver und Munition gefunden worden. Der Telefonist wurde im Eilverfahren zu einem Jahr Haft mit Zwangsarbeit verurteilt. Im Gefängnis wurde Byrne zum Anführer der republikanischen Häftlinge und organisierte den Widerstand. Für die IRA, die sich seit dem Osteraufstand 1916 im Krieg mit den britischen Streitkräften befand, war klar: Sollte es gelingen, Byrne aus dem Gefängnis zu befreien, wäre dies für die Briten ein Gesichtsverlust. Doch die Aktion am 6. April 1919 schlug fehl, und es kam zu einer Schießerei, bei der Byrne schwer verletzt wurde und kurz darauf starb.

Am Tag nach der fehlgeschlagenen Befreiung wurde in Limerick das Kriegsrecht ausgerufen. Soldaten mit Maschinengewehren riegelten die Plätze und Brücken der Stadt ab, gepanzerte Wagen wurden postiert. Besonders betroffen waren die Werktätigen. 5.000 Arbeiter mussten viermal täglich Checkpoints passieren, um zu ihren Fabriken zu gelangen. Darüber hinaus war die Milchversorgung stark eingeschränkt. Die Kontrollposten der Armee konnten nur mit einer Sondererlaubnis passiert werden, welche an »Loyale« ausgestellt wurde. Republikanern war es faktisch nicht mehr möglich, zur Arbeit zu gehen. Zudem wurden die Kosten des Einsatzes auf die Bevölkerung abgewälzt.

Generalstreik

Die Arbeiter der Cleeves-Milchpulverfabrik waren die ersten, die in den Ausstand traten. Ihnen schloss sich einen Tag später der Gewerkschaftsrat an. Nach zwölfstündiger Diskussion wurde einstimmig ein Generalstreik beschlossen. Nach Streikbeginn demonstrierten 14.000 Arbeiter durch die Straßen der 38.000-Einwohner-Stadt. Um die Bevölkerung zu versorgen, übernahm das Streikkomitee die Kontrolle. Ein gewählter Arbeiterrat begann die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln zu organisieren. Die Lebensmittelpreise wurden strikt vom »Soviet«, wie er sich spätestens ab dem 14. April selbst nannte, kontrolliert. Bäckereien wurden wieder geöffnet, und nachts schmuggelten Fischer mit ihren Booten Lebensmittel über den Shannon River.

Da dem Rat das Geld ausging, beschloss man kurzerhand, eigene Wertmittel zu drucken. Und auch der Transport wurde vom Sowjet sichergestellt. Man organisierte Autos, damit Ärzte Patienten aufsuchen konnten, alle anderen Beförderungsmittel wurden von Arbeiterpatrouillen beschlagnahmt. Der Sowjet erwies sich als sehr effizient darin, die Belange der Stadt zu organisieren und die Bevölkerung zu ernähren. Es kam zu keinem einzigen dokumentierten Fall von Plünderung.

Am Ende war es nicht die Armee, die den Streik zerschlug, sondern die Gewerkschaftsspitze. Als sich die Bahnarbeiter Limericks mit der Bitte um Hilfe nach Dublin wandten, wurde ihnen diese verweigert. Die Führung der Gewerkschaften in Irland und dem Vereinigten Königreich wollten unbedingt verhindern, dass sich an dem Funken aus Limerick eine irische Revolution entzündet. Die Rätebewegung hatte sowohl die britische Armee als auch die irische Bourgeoisie in die Defensive gedrängt. Die Soldaten weigerten sich teilweise aus den Baracken auszurücken. Doch die bürgerlich-nationalistische Partei Sinn Feín (»Wir selbst«), die auch den Bürgermeister Limericks stellte, übte Druck auf die irische Gewerkschaftsbewegung aus, die auf ein Bündnis mit der aufsteigenden Partei hoffte. So wurde am 27. April ein »Kompromiss« ausgehandelt: Sowohl das Kriegsrecht als auch der Streik wurden beendet.

Solidarität mit Russland

Heute ist der Sowjet in Vergessenheit geraten. Und wenn über ihn geschrieben wird, versucht man oft, dem Arbeiterrat von Limerick die sozialistische Perspektive abzusprechen. Der Historiker Liam Cahill versuchte den Aufstand 1990 als »humanitär« und »nationalistisch« zu deuten. Er unterschlug dabei, dass schon 1918 10.000 Arbeiter in Limerick auf die Straße gegangen waren, um ihre Solidarität mit dem jungen Sowjetrussland auszudrücken. Als in Limerick dann der Arbeiterrat gebildet wurde, erklärte er sich sofort mit den Sowjetregierungen Russlands und Ungarns solidarisch. Und der Sowjet in Limerick sollte für die Arbeiter Irlands zum Vorbild werden: Im Mai 1919 folgte der Ausstand und die Besetzung von Käsereien der Cleeves-Familie im County of Limerick. Im Zentrum dieser neuen Sowjetbewegung stand die größte Käserei in Knocklong, wo die Arbeiter ein Banner mit den Worten »Knocklong Soviet Creamery: We make Butter not Profits« hissten. In Waterford wurde im April 1920 ein Sowjet ausgerufen, in Bruree im Süden Limericks im August 1921, ebenso im Hafen von Cork einen Monat darauf. Insgesamt gab es in Irland zu Beginn der 1920er Jahre etwa 40 Streiks und Besetzungen, bei denen die Arbeiter zeitweise die Kontrolle übernahmen.

Der Konflikt wird in der gegenwärtigen Geschichtsschreibung Irlands auf den Kampf zwischen britischen Kolonialherren und irischen Freiheitskämpfern reduziert. Dass sich in den Industriestädten Irlands indes eine selbstbewusste Arbeiterklasse herausgebildet hatte, die ihre Interessen nicht mit denen der irischen Bourgeoisie identifizierte, mit der sie dennoch den gemeinsamen britischen Feind teilte, wird häufig ignoriert. Die Jahre zwischen 1916 und 1923, als der Bürgerkrieg endete, gelten ausschließlich als Zeit des Kampfes zwischen zwei Nationen.

In Erwägung, dass die Arbeiter Limericks seit Montag, dem 14. April, aus Protest gegen die militärische Abrieglung unserer Stadt im Streik sind und die Frage des Streiks in der Zwischenzeit zu einer Angelegenheit von nationaler Tragweite geworden ist, rufen wir hiermit alle Arbeiter, die ohne Einschränkungen durch das Militär zu ihrer Arbeit zurückkehren können, auf, morgen (Freitag morgen) wieder zu arbeiten.

Weiter rufen wir all jene Arbeiter, die ihrer Tätigkeit nur mit militärischer Erlaubnis nachgehen können, dazu auf, auch weiterhin diesen Ausdruck von Unterwerfung und Sklaverei zurückzuweisen, bis ein Beschluss des außerordentlichen Irischen Kongresses des Gewerkschaftsbundes vorliegt.

Wir rufen außerdem all unsere Landsleute und alle Freunde der Freiheit überall auf der Welt dazu auf, uns mit den nötigen Mitteln zu unterstützen, damit wir den Kampf gegen die Militärtyrannei fortführen können.

Das Streikkomitee, Limerick, den 24. April 1919

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