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Aus: Ausgabe vom 11.04.2019, Seite 6 / Ausland
Großbritannien

Armee auf Abwegen

Britische Soldaten schießen auf Corbyn-Konterfei. Militär plädiert für Schutz vor juristischer Verfolgung
Von Christian Bunke, Manchester
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Für die Armee offenbar ein »Wahnsinniger«: Labour-Chef Corbyn (Bilder aus dem online veröffentlichten Video)

Ein von britischen Soldaten aufgenommener Amateurfilm, der aktuell online kursiert, sorgt in Großbritannien für Furore. Vier Soldaten des 3. Bataillons des britischen Fallschirmjägerregiments sind zu sehen, wie sie Schussübungen durchführen. Dann schwenkt die Kamera um und zeigt die Zielscheibe – das Gesicht von Jeremy Corbyn, linker Labour-Parteichef, mit Einschusslöchern durchsiebt. Die Bildunterschrift lautet: »Happy with that« – »sehr zufrieden damit«. Verschiedene Medienberichte geben an, der Aufnahmeort des Videos sei die afghanische Hauptstadt Kabul.

Das Boulevardblatt The Sun vom 7. April zitierte eine nicht näher bezeichnete Quelle aus der Armee mit den Worten, dass »in der Armeebasis eine Reihe von Bildern verwendet wird, um die Soldaten bei Laune zu halten«. Um welche Personen des öffentlichen Lebens es sich dabei handelt, wurde nicht gesagt. Außerdem stellt das Blatt einen Zusammenhang mit der kürzlich erhobenen Mordanklage gegen einen ehemaligen Angehörigen des 1. Bataillons des Fallschirmjägerregiments her, der am Massaker des sogenannten Blutsonntags in der nordirischen Stadt Derry am 30. Januar 1972 beteiligt war. Die Fallschirmjäger töteten an jenem Tag 13 Menschen und verletzten 14 weitere, die sich an einer Bürgerrechtsdemonstration gegen die Diskriminierung der Katholiken in Nordirland beteiligt hatten. Einer von ihnen starb später an den Folgen seiner Verwundungen. Im Artikel ist zu lesen: »Corbyn war ein lautstarker Unterstützer der IRA und ist ein bekannter Pazifist.«

Tatsächlich ist der Labour-Chef kein IRA-Sympathisant, hat sich aber immer wieder für die Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland eingesetzt. Neben seiner Ablehnung der NATO sowie des britischen Atomwaffenprogramms Trident ist dies ein weiterer Punkt, der Corbyn für den britischen Militärapparat untragbar macht.

Kurz nach seiner Ernennung zum Labour-Parteichef im September 2015 zitierte die Wochenzeitung Sunday Times einen »dienenden General« mit den Worten: »Es würde die sehr reale Möglichkeit eines Ereignisses geben, das effektiv eine Meuterei darstellen würde. Der Generalstab würde nicht zulassen, dass ein Premierminister die Sicherheit unseres Landes gefährdet, und ich denke, dass Leute alle möglichen Mittel, ehrliche und unehrliche, anwenden würden, um das zu verhindern. Man kann das Land nicht einem Wahnsinnigen überlassen.« Das britische Militär leitete seinerzeit eine interne Untersuchung ein, konnte oder wollte aber nicht herausfinden, welcher General hier mit einem Militärputsch gedroht hatte.

Laut der Regionalzeitung Belfast Telegraph vom 8. April sollen zwei der vier im Video zu sehenden Soldaten aus Nordirland stammen. In den vergangenen Jahrzehnten hat es immer wieder personelle Überschneidungen zwischen dem Militär und rechten, unionistischen paramilitärischen Gruppierungen gegeben. Deren Aufarbeitung wird bis heute verhindert. Hunderte Morde aus der Zeit der als »Troubles« bezeichneten Unruhen bleiben auch deshalb unaufgeklärt.

Schon die Anklage eines einzigen am »Blutsonntag« beteiligten Soldaten ist dem britischen Militär zuviel. So erklärte der konservative Verteidigungsminister Gavin Williamson am 14. März, die Regierung werde »selbstverständlich« die Verteidigungskosten übernehmen. Außerdem müsse man Soldaten zukünftig besser vor Anklagen schützen, sagte er der Tageszeitung The Guardian: »Die Regierung wird dringend das System des Umgangs mit Themen der Vergangenheit reformieren. Das Personal unserer Streitkräfte kann nicht in dauernder Angst vor Verfolgung leben.« Das ist ein Freibrief für vergangene und kommende Massaker durch britische Soldaten. Die Fallschirmspringer in Kabul haben sich daran ein Beispiel genommen.

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