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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 15 / Antifa
Faschistische Propaganda

Braune Zeitzeugen für rechten Revisionismus

Ehemalige Angehörige der Waffen-SS in europäischer Neonaziszene gerngesehene Vortragsredner
Von Kristian Stemmler
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Gedenktafel auf dem Friedhof von Oradour-sur-Glane nahe Limoges für Opfer des Massakers der Waffen-SS (6.8.2013)

Fast ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa gibt es nicht mehr viele von ihnen, aber für die Neonaziszene sind sie wertvoll. Die »letzten Veteranen« – Männer, die in der NS-Zeit Soldaten waren und bis heute nichts bereuen – sind gefragte Gäste bei »Zeitzeugenabenden« der Rechten. So hieß es in einem am 1. ­April von Antifaschisten auf dem linken Portal »Indymedia.org« anonym geposteten Beitrag, dass »insbesondere NS-Täter wie SS-Angehörige« von den aktuellen Nazistrukturen hofiert und häufig als Zeitzeugen zu Neoaziveranstaltungen eingeladen würden.

Das NDR-Magazin »Panorama 3« hatte bereits am 26. Februar berichtet, dass regelmäßig frühere Angehörige von Wehrmacht oder Waffen-SS, alle über 90 Jahre alt, vor Neonazis auftreten, von ihren »Erlebnissen« erzählen und die Verbrechen des Naziregimes relativieren. Als einen dieser Referenten nannte das Magazin den 93 Jahre alten Paul P. aus Niedersachsen, der im vergangenen Jahr 15 Mal vor einschlägigem Publikum über seine Zeit im Krieg gesprochen habe, so in Chemnitz und in Dresden, in der Schweiz und in Ungarn.

Dort habe P. über seine Zeit in zwei Divisionen der Waffen-SS berichtet, denen er 1944 freiwillig beigetreten war. Von Verbrechen seiner Truppe wisse er nichts. Dem Bericht zufolge sei für P. klar: Das Massaker im französischen Dorf Oradour-sur-Glane nahe Limoges sei nicht so passiert, wie es heute allgemein als erwiesen gilt. Bei dem 1944 von der Waffen-SS verübten Kriegsverbrechen ermordeten die Deutschen 642 Menschen – darunter viele Frauen und Kinder. Seine Version der Geschichte will der Mann mit Vortragsveranstaltungen verbreiten. Gegenüber dem NDR-Fernsehteam erklärte P. auch, dass er als Wachmann auf Insassen eines Konzentrationslagers aufgepasst hat.

Ein anderer »Veteran«, der von Neonazis umschwärmt wird, ist der 96 Jahre alte Karl M. aus dem niedersächsischen Nordstemmen. Er wurde in Frankreich 1949 wegen seiner Beteiligung an einem Massaker im nordfranzösischen Dorf Ascq im April 1944, bei dem eine Einheit der Waffen-SS 86 Zivilisten ermordete, in Abwesenheit zum Tode verurteilt. In Deutschland wurde erst seit 2015 gegen ihn ermittelt, die Generalstaatsanwaltschaft Celle stellte das Verfahren aber im März 2018 ein, weil der Mann kein zweites Mal wegen derselben Tat verurteilt werden durfte, selbst wenn das Urteil in Frankreich nie vollstreckt werden konnte.

Die Antifa hat die Beteiligung von M. an Kriegsverbrechen nicht vergessen. Am 30. März kurz vor dem 75. Jahrestag des Massakers von Ascq hielten rund 20 Aktivisten vor seinem Haus in Nordstemmen eine Kundgebung ab und grüßten die Angehörigen der 86 damals Ermordeten. Mit »Kein Vergeben – kein Vergessen!« unterschrieben sie ihren Aufruf.

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