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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Bären und Kaninchen

Jonathan Lethems verstrahlter Hippiekrimi »Der wilde Detektiv«
Von Frank Willmann
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Doch keine seltsame Wüstensekte – bloß das Festival »Burning Man 2015«

Jonathan Lethem, preisgekrönt und vielgelesen, ist einer der interessantesten Schriftsteller der Gegenwart. In seinem jüngsten Roman »Der wilde Detektiv« beweist der New Yorker nicht zum ersten Mal, zu welch grandiosem Stilmix er fähig ist.

Der Nachfolger von David Foster Wallace als Professor für »Kreatives Schreiben« am kalifornischen Pomona College stürzt den Leser in einen abenteuerlichen, hoch literarischen und anspielungsreichen Detektivroman. Ein Buch für den durchschnittlichen Krimifan ist »Der wilde Detektiv« also eher nicht. Die gegenwärtige Politik der USA, die Hippievergangenheit Kaliforniens und die Suche nach dem Glück sind nur ein paar der Themen, die Lethem mitsamt seiner Helden ironisch auf die Schippe nimmt.

Die leicht beschädigte Exjournalistin Phoebe sucht im Auftrag einer neurotischen New Yorker Noch-Journalistin deren entlaufene Tochter in der kalifornischen Wüste. Während sich in Washington der von Phoebe zutiefst verachtete Donald Trump zum Präsident krönen lässt, leidet diese am Elend der USA, schlechtem Tinder-Sex und schwindendem Lebenssinn. Der Waldläufer und Kinderretter Heist kommt ihr daher gerade recht. Ein Wahlverwandter von Romanfiguren Thomas Pynchons und Don DeLillos ist dieser Außenseiterdetektiv mit reichlich Hippieerfahrung und einem Opossum als Haustier – und exakt der richtige Kerl, Phoebes Neurosen zu pulverisieren.

Es wird geliebt, und ein paar Tote gibt es auch. Die Sexszenen sind drastisch, mit Lethem nicht vertraute Leser könnten das Buch als grobe Männerphantasie missverstehen. Doch man kann es auch anders sehen, zumal der Sex aus weiblicher Perspektive geschildert wird. Und dann ist da ja noch dieser herrlich zweideutige New Yorker Slang. Die Story um eine seltsame Wüstensekte aus Bären und Kaninchen ist angemessen absurd und hübsch verstrahlt – die Gebrüder Cohn lassen grüßen.

Mit »Motherless Brooklyn« und »Die Festung der Einsamkeit« hat der Tropen-Verlag außerdem zwei großartige Klassiker Jonathan Lethems als Taschenbücher neu aufgelegt. Der Lesefrühling kann kommen.

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach, Tropen-Verlag, Stuttgart 2019, 335 Seiten, 22 Euro

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