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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Von Traktoren träumen

Tempo sozialistischen Fortschritts: Heiner Müllers »Die Umsiedlerin« am Deutschen Theater Berlin
Von Jakob Hayner
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Der Sozialismus kommt mit 24 PS – oder zu Fuß

Die sechziger Jahre: Fast sah es so aus, als würde sich die Menschheit nach Faschismus und Weltkrieg doch noch einmal besinnen. Selbst der Kapitalismus im Westen tat in Teilen – nicht in den Kolonien freilich – ein bisschen pseudozivilisiert, so dass sich die Sozialdemokratie endgültig von dem Gedanken verabschiedete, ihn zu bekämpfen. Im Osten galt es, eine Gesellschaft ohne die Herrschaft des Kapitals aufzubauen. So breitete sich hier wie dort Fortschrittsoptimismus aus, der allerdings nur dort eine Basis hatte, wo man wirklich begann, aus der Epoche des bornierten Privatproduzententums in die neue Zeit der bewussten Erzeugung von Gebrauchswerten einzutreten. Doch am Kommunismus ist das Schwierigste der Weg zu ihm. Selbst wenn ihn alle wollen würden, wäre es eine erhebliche Aufgabe. Und dann gibt es noch all jene, die ihn nicht wollen oder aufgrund ihrer sozialen Stellung nicht wollen können. Ohne Widersprüche wäre man dreimal schneller im Kommunismus, heißt es in Heiner Müllers Stück »Die Umsiedlerin«, mit dem Tom Kühnel und Jürgen Kuttner in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin die Zeit der Bodenreform und der Kollektivierung in der DDR zeigen.

Die Bühne von Jo Schramm zieht wie ein Strudel – wie man es von der Illustration von LSD-Trips oder zur Herstellung optischer Täuschungen auf einem Kreisel kennt – in die vergangene Epoche hinein, die Anfangsszene ist unterlegt mit der deutschsprachigen Version des Hippie-Hits »In The Year 2525«. Man dachte in großen Zeiteinheiten, den geschichtlichen Aufgaben entsprechend. »Junkerland in Bauernhand« war eine Parole, die Wirklichkeit werden sollte. Der Boden wurde den Großgrundbesitzern entrissen und denen gegeben, die schon immer darauf produziert hatten, den Bauern. So ging Enteignung, von der man heute – trotz vorsichtiger Renaissance des Begriffs – nur träumen kann. Die Junker sinnten westlich der Elbe auf Rache, zu der es dann ab 1990 Gelegenheit gab, noch heute reißt der alte preußische Adel die Ländereien wieder an sich. Kühnel und Kuttner wissen um diese historische Dialektik, sie fügen ihrer gekürzten Fassung der »Umsiedlerin« das Langgedicht »Mommsens Block« hinzu, in dem Heiner Müller über den Ekel vor einer Wirklichkeit schreibt, die wieder kapitalistisch geworden ist – eine Welt der Warenzirkulation ohne Geschichte und Idee, armselig und wenig heroisch. Warum sollte man eine solche Welt noch beschreiben? Der Niedergang ist kein literarischer Gegenstand von Rang.

In »Die Umsiedlerin« aber geht es um Aufbruch. Nicht, dass der immer besonders heroisch aussah. Es ging mehr um die Mühen der Ebene, und auch die neue Zeit war als solche manchmal schwer zu erkennen. Da gibt es den von Jörg Pose gespielten Parteisekretär Flint, ein alter Revolutionär, der sich nur mühsam mit dem Gedanken anfreunden kann, dass die Partei der Arbeiterklasse nun die Macht hat und der Klassenkampf am Schreibtisch geführt werden muss. Auch die sozialistische Moral lässt sich nur schwer mit seinem Bedürfnis nach Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft und deren Werten vereinbaren. Oder Beutler, der von Felix Goeser dargestellte Bürgermeister, ein haltungsloser Opportunist. Oder Fondrak (Frank Büttner), der bierselige Anarchist, dessen Haltung in Konflikt mit dem Sozialismus gerät. Oder das junge FDJler-Paar (Marcel Kohler und Linda Pöppel), das von Traktoren (er) und jungen Traktoristen (sie) träumt. Tatsächlich rollt dann auch ein Traktor auf die Bühne, der Sozialismus kommt mit 24 PS, ein Geschenk der Sowjetmacht.

Beeindruckend sind die Konflikte, die in dem Stück gezeigt werden, die Widersprüche der Figuren und vor allem die Sprache, in der sie diese austragen. Dass Bauern und Arbeiter in Wirklichkeit keine Verse sprechen, kann man sich schon denken. Aber dass sie es auf der Bühne tun, verbindet sie mit dem großen Vorhaben der politischen Utopie, für das auch die Poesie der Sprache steht. Witzig und geistreich ist das zudem. In »Die Umsiedlerin« wird, wie auch in dem verwandten Stück »Moritz Tassow« von Peter Hacks, das Tempo des sozialistischen Fortschritts verhandelt. Das steht hierzulande heute freilich nicht zur Debatte, diskutiert wird allenfalls das Tempo des kapitalistischen Niedergangs. Insoweit ist es außerordentlich verdienstvoll, darauf aufmerksam zu machen, dass die Geschichte nicht immer so düster aussah (wie sie es heute tut) und dass das von der sozialen Praxis abhängt. So eine Praxis könnte dann auch wieder Stoff für Stücke wie »Die Umsiedlerin« bieten.

Nächste Aufführungen: 14., 19. April, 6. Mai

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