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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Österreich

Die Kaderschmieden der FPÖ

Völkische Burschenschaften und »Identitäre Bewegung« versorgen die FPÖ mit Nachwuchs
Von Christian Kaserer, Wien
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Regelmäßig demonstrieren Antifaschisten in Österreich gegen die Verbindungen zwischen FPÖ und Burschenschaften (Wien, 30.1.2015)

Der aktuell in Österreich hochkochende Skandal um die Verbindungen der »Identitären Bewegung« (IB) mit der in der Regierung sitzenden FPÖ zeigt auf, dass die IB bisher weniger eine selbständige Gruppe war, sondern dass es sich bei ihr vielmehr um eine nahestehende Jugendorganisation und Kaderschmiede der Freiheitlichen Partei handelt. Auch Bilder, Videos und Berichte von Veranstaltungen zeugen davon, dass die Grenzen zwischen beiden Gruppen fließend sind, nicht wenige »Identitäre« innerhalb der FPÖ oder bei ihr nahestehenden Organisationen wichtige Funktionen einnehmen und von der Parteispitze hofiert werden. Das Foto, das Vizekanzler Heinz-Christian Strache mit hochrangigen Mitgliedern der »Identitären« zeigt, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Doch nicht nur die IB, sondern auch Studentenverbindungen dienen den Freiheitlichen als Kaderschmiede. Während die rechtskonservative ÖVP ihre Anhänger vor allem aus den katholischen »Korporationen« und der in der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) aktiven »Aktionsgemeinschaft« akquiriert, zieht es die Mitglieder der schlagenden Burschenschaften sowie des »Rings Freiheitlicher Studenten« in die FPÖ. Schlagend bedeutet hier, dass ihre Angehörigen in ritualisierten Duellen, den Mensuren, gegeneinander fechten und sich gerne auch Wunden, die sogenannten Schmisse, zufügen, welche sie auch äußerlich von anderen Studenten abheben. Gemein ist den verschiedenen schlagenden Burschenschaften mit so germanisch klingenden Namen wie »Teutonia«, »Gothia« oder »Saxonia« die völkische, deutsch-nationale Ideologie. Österreich lehnen sie als »ideologische Missgeburt« ab, wie es der verstorbene FPÖ-Chef Jörg Haider einmal sagte. Sie wünschen sich in ein »Deutsches Reich« mit »deutschem Blut«.

Obschon Burschenschafter in Österreich nur etwa 0,04 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind aktuell rund 40 Prozent aller FPÖ-Parlamentsabgeordneten, also 19 von 51 Personen, Mitglied einer solchen Verbindung. Auch in den von FPÖ-Politikern geführten Ministerien finden sich zahlreiche Burschenschafter. So bekleiden beispielsweise die Kabinettschefs des Innen-, Sozial- und Verteidigungsministeriums hohe Positionen in unterschiedlichen Burschenschaften. Auch außerhalb der Ministerien stieg ihr Einfluss seit dem Regierungsantritt von ÖVP und FPÖ vor zwei Jahren stark an. Insgesamt neun Burschenschafter wurden zu Universitätsräten ernannt. Mit Georg Watschinger sitzt ein Mitglied des deutschtümelnden »Österreichischen Turnerbunds« als Publikumsrat im Österreichischen Rundfunk (ORF), und auch Aufsichtsräte in den Österreichischen Bundesbahnen und anderen staatlichen beziehungsweise staatsnahen Unternehmen wurden entsprechend umgefärbt. Der Aufstieg in höchste Regierungskreise als ideologisch zuverlässige Elite macht sich bezahlt. Wie aus einer parlamentarischen Anfrage der Opposition hervorging, erhielt der »Österreichische Pennälerring« (ÖPR), der Dachverband schlagender Schülerverbindungen und Burschenschaften, im Jahr 2018 nahezu 40.000 Euro aus der Bundesjugendförderung.

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