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Aus: Ausgabe vom 08.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Der Drache beißt noch

Die Revolution ist einfach zuviel: Sebastian Baumgarten inszeniert Michail Ossorgins Roman »Eine Straße in Moskau« am Staatsschauspiel Dresden
Von Erik Zielke
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Wie eine Naturgewalt: Die Revolution (hinten) bringt das Leben der 17jährigen Tanja (l., Luise Aschenbrenner) aus den Fugen

»Arbeiter und Kolchosbäuerin« heißt eine der berühmtesten plastischen Arbeiten des sozialistischen Realismus. Die beiden aus Edelstahl gefertigten Figuren treten im gleichen Schritt scheinbar, der Zukunft zugewandt, nach vorne, über ihren Köpfen Hammer und Sichel erhoben. Bis heute prägt die Statue der Bildhauerin Wera Muchina das Moskauer Stadtbild und hat als Logo der Filmproduktionsfirma Mosfilm Bekanntheit weit über die Grenzen des Landes hinaus erreicht.

In der multifunktionalen Bühne von Christina Schmitt befindet sich ein Abbild der Plastik über einem begehbaren Holzturm. Auch auf den zwei Leinwänden, auf denen durch Videoeinspielungen (Philipp Haupt) das Bühnengeschehen kommentiert wird, sind Arbeiter und Kolchosbäuerin zu sehen. Kein Zufall, treibt doch der Regisseur Sebastian Baumgarten ein doppeltes Spiel und lässt die Geschichte der Revolution vorführen, indem die Schauspieler einen fiktiven Film darüber drehen. Aus einer unbestimmten Zukunft oder Gegenwart übernehmen die Darsteller die Rollen von Zeitzeugen der Oktoberrevolution.

Für seine fast vierstündige Inszenierung, die am Freitag am Staatsschauspiel Dresden Premiere feierte, bedient sich Baumgarten eines erstaunlichen Stoffs. Michail Ossorgin (1878–1942) hat sich früh den antizaristischen Bewegungen in Russland angeschlossen und zählte auch zu den Akteuren der Revolution von 1905. Nach der Oktoberrevolution war er Kritiker der Herrschaft der Bolschewiki, gleichwohl ohne die Revolution selbst in Frage zu stellen. 1922 ins Exil nach Frankreich getrieben, veröffentlichte er dort 1928 den literarisch höchst beachtlichen Roman »Eine Straße in Moskau«. Mit dem Ersten Weltkriegs beginnend, beschreibt Ossorgin die Sorgen und Befindlichkeiten in einem Moskauer Professorenhaushalt. Wie eine Naturgewalt hinterlassen die weiteren Entwicklungen – Kriegsverlauf, Februar- und Oktoberrevolution, Bürgerkrieg – ihre Spuren bei den Protagonisten: bei der 17jährigen Tanja, die bei ihrem Großvater, einem Professor für Ornithologie aufwächst, bei ihren Verehrern sowie Freunden der Familie. Der Blick auf das Revolutionsgeschehen aus dem Blickwinkel des Bürgertums lässt Erstaunliches aufscheinen.

Der Dramaturg Jörg Bochow hält im Programmheft fest: »In diesem Sinn ist ›Eine Straße in Moskau‹ nicht so sehr ein historischer, denn ein Zukunfts­roman, in dem die ungelösten Fragen der Moderne gestellt werden.« Beharrlich wird – vor allem durch die Rahmenhandlung eines Filmdrehs – die Notwendigkeit behauptet, die Aktualität der Geschichte und ein heutiges Verhältnis zu Ideologie und Revolution zu finden, aber leider darstellerisch nicht erlebbar gemacht. Recht virtuos und unterhaltsam spitzt Baumgarten zu. In der Bühnenfassung ist der umfangreiche Roman geschickt zusammengekürzt und das Figurenensemble ausgedünnt. Die szenographische Umsetzung zeichnet sich durch großen Einfallsreichtum aus: Jede Runde der Drehscheibe bringt Neues zum Vorschein. Besondere Erwähnung verdient dabei ein gigantischer dreiköpfiger Drache – das Ungeheuer Revolution mit leuchtenden roten Augen. Für das Bühnengeschehen erfindet Baumgarten eine überzeichnete, wechselhafte Spielweise.

Was bei all dem fehlt, ist eine Haltung zum Stoff. Jede Figur, ob Revolutionär oder Gegner der neuen Ordnung, ist nur Zerrbild eines Menschen. Der Abend hat etwas Groteskes, manchmal fast Leichtes, Revueartiges. Ein »Arbeiterklub Juri Gagarin« liefert so auch als Trash-Showformat das Satyrspiel. Wer die Revolution als Witz der Geschichte inszeniert, muss keine Auskunft geben, ob er sie bejaht oder verneint, wie sie aussehen soll, die Revolution der Zukunft.

So bleibt die interessanteste Entdeckung, die hier zu machen ist, die Romanvorlage. Eine kaleidoskopartige Erzählung, in der wahre Zerrissenheit verdeutlicht und in äußerst poetischer Sprache Geschichte anschaulich gemacht wird. Ein Roman, der herausfordert, weil er die Revolution aus der Perspektive seiner Opfer, vielleicht seiner Feinde, schildert und damit auch eine Antwort finden muss auf die Frage, wo politische Feindschaft beginnt.

Nächste Vorstellungen: 15. und 30. April, 12. Mai

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