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Es geht abwärts

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Das Schwere an Konjunkturprognosen ist, die Wendepunkte zu erraten. Dass der obere Wendepunkt hinter uns liegt, ist mittlerweile Gemeinplatz geworden. Die Konjunktur ist bereits gekippt. Es geht abwärts. Besonders in Deutschland. Die Aufträge aus dem Ausland für deutsche Industrieprodukte sacken ab. Auch in dem hochoffizielle Frühjahrsgutachten der von der Regierung beauftragten Wirtschaftsforschungsinstitute wurde jetzt die Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 0,8 Prozent gesenkt. Im Herbstgutachten war für 2019 noch ein Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukt) von 1,9 Prozent erwartet worden.

Dabei war es dieses Mal gar nicht so furchtbar schwer, den Wendepunkt, ab dem die Steigerung des BIP abnimmt, schon vor einem Jahr festzustellen. In den Ländern, wohin die Exporte aus Deutschland hauptsächlich fließen, schwächte sich das Wachstum ab. Besonders die ganz großen Märkte USA und China legten nicht mehr kräftig zu. Die USA gaben sich unter Donald Trump erkennbar Mühe, die Einfuhr einzuschränken. Es wäre erstaunlich, wenn weniger Importe in den immer noch größten Absatzmarkt der Welt auf die vom Export abhängige deutsche Wirtschaft keine negative Wirkung hätten. Es war im übrigen auch kein Geheimnis, dass Großbritannien nach dem Austritt aus der EU nicht mehr ganz so viele Waren aus Deutschland abnehmen würde. Ganz zu schweigen von Ländern wie die Türkei, über die Zeitungskommentare schadenfroh berichteten, dass die Wirtschaftskrise tief und lang sein werde und dass weder Volk noch Kapitalisten sich teure Waren aus dem Ausland würden leisten können.

Für das 3. Quartal 2018 zeigten dann die Zahlen des statistischen Bundesamtes einen BIP-Rückgang. Der Rhein habe wegen der Trockenheit wenig Transporte zugelassen und eine neue Zulassungsnorm den Autoabsatz behindert, lautete die Erklärung des Amtes dafür. Dass diese Faktoren nur wegen der bereits nachlassenden übrigen Konjunktur ausgereicht haben, die Quartalszahlen negativ werden zu lassen, wäre die angemessene Erklärung gewesen.

Der Grund, warum seit einem Jahr alle Prognostiker von einer Delle reden, aber den ganz normalen Abschwung bis in die Rezession nicht prognostizieren, liegt an ihrer Verpflichtung zum Optimismus. Ohne Zuversicht fallen die Kaufaufträge und der Warenabsatz noch schwächer aus, meinen ihre Chefs, seien diese Politiker oder Banker. Unter letzteren hat sich zuletzt James Dimon, der Chef von J. P. Morgan, der größten US-Bank, zu Wort gemeldet. Er kassierte seine optimistischen Prognosen für die US-Konjunktur vom November vorigen Jahres. Das ist ein Zeichen dafür, dass auch die USA einer Rezession entgegengehen.

Das Wort Rezession passt nur deswegen schlecht, weil ihr mit der nun fast zehn Jahre dauernden Phase mäßiger Expansion kein Aufschwung oder gar Boom vorausgegangen ist.

Veranstaltungshinweis: »Finanzkapital« – Berliner Buchpremiere mit dem Autor Lucas Zeise. Dienstag, 9. April, 19 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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