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Aus: Ausgabe vom 05.04.2019, Seite 16 / Sport
Eishockey

Rentnertruppe auf Eis

Beim ERSC Berliner Bären in Liga fünf fühlen sich altgediente Eishockeyspieler wohl
Von Oliver Rast
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Typisch »kanadisch«: Veteran Jan Schertz führt die Berliner Bären auf’s Eis

Die gepanzerte Arbeitskleidung hat er bereits in der Kabine abgelegt. Mit blauem Kapuzenpulli, langer Unterhose und Badeschlappen steht er vor dem Halleneingang. Schweißperlen rinnen ihm von den Haarspitzen über Schläfen und Wangen in den Nacken. Seine obere Zahnreihe ist lückenhaft, typisch »kanadisch«. Linke Hand, Bier, rechte Hand, Zigarette. Jan Schertz ist Spielertrainer beim ERSC Berliner Bären in der fünftklassigen Landesliga der Hauptstadt, tiefer geht’s nicht. Ein Altinternationaler des SC Dynamo Berlin, der in der Endphase noch das DDR-Trikot überstreifte, und später für die Eisbären Berlin auf Torejagd ging. Im November wird er 50 Jahre alt.

Was schmerzt besonders? »Das Herz, weil wir verloren haben«, sagt Schertz im jW-Gespräch. Die müden Knochen spüre er erst am Tag danach. Für Schertz’ Team stand am vergangenen Sonntag das erste Playoff-Spiel (Best of three) im Halbfinale auf dem Plan. Gegner im Sportkomplex in der Paul-Heyse-Straße in Prenzlauer Berg war die zweite Garnitur des ECC Preussen.

Wegweiser helfen in die Halle: Nach dem Eingang scharf links am Portal vorbei durch lange, schmale und flache Gänge mit gut zwei Dutzend Kabinen (Achtung: nichts für Geruchsempfindliche!) bis zur großen gläsernen Flügeltür. Dahinter ist die Spielstätte, ursprünglich für das Eiskunstlaufen konzipiert, später als Eishockeyareal umfunktioniert. Ohne Tribüne, die Zuschauer, am Spieltag keine 60, stehen direkt an der Bande mit der kopfhohen Plexiglasscheibe. Viel sehen sie nicht, unzählige schwarze Striemen von aufprallenden Pucks stören die Sicht.

Kurz vor 13 Uhr, die Teams kommen aufs Eis, umkreisen vor dem Auftaktbully das eigene Tor, die Goalies zerkratzen derweil mit den Kufen ihrer Schlittschuhe den Torraum, um mehr Grip zu haben. In der Halle ist es schummrig, nur Tageslicht fällt durch die Fensterfront in sechs Meter Höhe aufs Eis. Andreas Wunsch, Klubvorsitzender des ERSC und bis 2009 zwei Jahrzehnte lang selbst Torwart, fällt das auf: »So, dann lasst uns mal die Strahler anmachen.«

Der ERSC ist ein Refugium für ehemalige Profis und Halbprofis, viele kommen aus dem Osten, am Spieltag fehlten mit Stefan Mann und Dennis Melchior wichtige Oldies. Ex-DDR-Nationalspieler Thorsten Deutscher, 54, ist zwar für den ERSC spielberechtigt, läuft aber nicht mehr auf. Familie, Job, Handicaps – nicht einfach für Trainer und Klubboss, alle an Bord zu haben.

Wunsch erzählt am Rande des Spiels die Vereinsgeschichte: »Der ERSC wurde 1985 als Eis- und Rollsportclub im Westberliner Steglitz gegründet.« Eine Nachwuchsabteilung hatte der Klub nie, musste immer auf arrivierte Puckjäger bauen, die nach ihrer Laufbahn noch zwei, drei Jahre hobbymäßig weitermachen wollten. Nach dem Ende der DDR knüpfte Wunsch mit Spielkumpanen und Eishockeyfans schnell Kontakte, auch zu Dynamo. Bekanntschaften und Freundschaften entstanden, zu Kluboffiziellen und Spielern. »Viele haben von der Einheit gesprochen, wir haben sie zelebriert«, sagt Wunsch stolz. Und: »Die Besser-Wessis und Besser-Ossis sind nach und nach gegangen.« Seitdem herrsche Harmonie.

Der ERSC ist erstmals Titelverteidiger. Eine Etage höher wollten Wunsch und Co. aber nicht: zu wenige Spieler, zu viel Aufwand. Wunsch ahnt: »Mit der Berliner Meisterschaft haben wir unseren Zenit vielleicht überschritten.« Vor zwei, drei Jahren galt die Landesliga noch als eine Art Kneipenliga, erzählt Wunsch. Seitdem haben vor allem die Klubs mit Nachwuchsabteilungen aufgerüstet. Für die Eisbären Berlin, den ECC Preussen und FASS Berlin sind die zweiten Mannschaften ein wichtiger Unterbau. »Die anderen Klubs sind damit nicht klargekommen, dass unsere Altherrentruppe Meister wurde«, sagt Wunsch schmunzelnd.

Zurück zum Spiel: Bis zur Mitte des zweiten Drittels steht es 3:0 für die Schertz-Truppe. Dann der Doppelschlag der Preussen, nur noch 3:2, postwendend das 4:2. Acht Minuten vor der Schlusssirene der erneute Anschlusstreffer, kurz darauf der Ausgleich zum 4:4. Torlos bleibt die fünfminütige Overtime. Es folgt ein munteres Penaltyschießen, das der ECC für sich entscheiden kann – Endergebnis: 5:4.

Spiele in der Landesliga finden faktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wäre da nicht Norbert »Noppe« Stramm. Stramm ist mit Homepage, Facebook-Seite und Liveticker so etwas wie der Dokumentarist des Unterklasseneishockeys. Am Spieltag hat er sich neben dem Kampfgericht und einer Bierbank, die als improvisierte Strafbank dient, postiert – und tickert Spielszenen. Als Analyst ist Stramm gefürchtet: »Das Spiel hätte der ERSC nicht verlieren dürfen; sie waren besser und haben trotzdem irgendwie zu viele Dinger kassiert.«

Für Schertz ist Eishockey ein Ventil gegen Alltagsstress. Will er auch mit 50 noch weitermachen? »Jein«, sagt er. Man könnte auch sagen, Schertz ist einer, der es nicht lassen kann, einer mit »Statur«, wie Wunsch betont. Und mit Optimismus. Nach der Niederlage gegen den ECC hat sich für Schertz nichts verändert: »Wir müssen zweimal siegen, dann stehen wir im Finale.« Siegen muss er schon an diesem Sonntag, 16 Uhr, Paul-Heyse-Halle, sonst ist das vorzeitige Aus besiegelt.

Debatte

  • Beitrag von Marco Oswald aus Berlin ( 5. April 2019 um 16:32 Uhr)
    Ergänzung

    Wie es bei FASS 1c oder den Preußen 1b läuft, weiß ich nicht, aber das Landesligateam der Eisbären Berlin setzt sich maximal aus ehemaligen Nachwuchsspielern zusammen.

    Wer nur einmal in der Woche trainieren kann, der hat wohl kaum Ambitionen, sich als Nachwuchsteam darzustellen.

    Die »Jungs« sind (fast) alle über 30 und gehen wie die Spieler der anderen Landesligateams in der Woche noch arbeiten.

    Ist also eine gute »Hobbyliga«.

    Spätestens in der Regionalliga Ost ist dann Schluss mit lustig.

    Da kommt dann beim einen oder anderen noch Geld dazu ...

    MsKg Ossi

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