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Aus: Ausgabe vom 27.03.2019, Seite 15 / Antifa
Rechte Strukturen in Fußballszene

Vorgeblich unpolitisch

Fanzusammenschluss »Hannovereint« geht gegen antifaschistische Aufklärung im Stadion vor. Rechte Ideologie offenbar geduldet
Von Ulrich Peters
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Die Verteilaktion während Heimspiels gegen Fortuna Düsseldorf am 22.12. wurde physisch und verbal attackiert

In dieser Saison läuft es für Hannover 96 in der 1. Fußballbundesliga der Herren nicht rund. Zwischen Vereinsführung und großen Teilen der Fanszene herrscht schon lange kein gutes Klima mehr. Und auch die seit Juli 2018 aktive, antifaschistische Kampagne »Hannover rechts außen«, die auf rechte Tendenzen innerhalb der Fanszene aufmerksam machen will, wird von manchem Vereinsanhänger als »Nestbeschmutzerin« wahrgenommen.

Die aktive Fanszene von Hannover 96 gibt gerne vor, »unpolitisch« zu sein. So wird in einer Stellungnahme des Zusammenschlusses »Hannovereint« vom 17. März betont: »Die gesamte hannoversche Fanszene mit all ihren Gruppen und Mitgliedern ist für jeden offen und lehnt Rassismus, Rechtsextremismus sowie jegliche politischen Extreme in allen Formen ab.« Es wird betont, »dass wir genausowenig Linksextreme tolerieren, die versuchen, ihre Geltungssucht auf dem Rücken unserer Fanszene auszutragen«.

Das bezieht sich auf eine Aktion von »Hannover rechts außen«. Mehrere Aktivistinnen und Aktivisten verteilten beim Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf am 22. Dezember Flugblätter. Damit wollten sie auf die Anwesenheit rechtsradikaler Fans und entsprechender Parolen in der Nordkurve hinweisen. Mitglieder der Ultragruppe »West Hannover« griffen dabei einige Verteilende an, woraufhin sich eine Auseinandersetzung mit etwa 90 Beteiligten entwickelte.

Das »unpolitische« Fanbündnis »Hannovereint« positioniert sich dazu eindeutig. Wer versuche, »mit Hilfe von Falschdarstellungen einen Teil der Szene zu diffamieren«, sei »unser Feind« und werde entsprechend behandelt. »Wir dulden keine politischen Strukturen im Niedersachsenstadion oder Aktionen wie die am 22.12.2018«, heißt es weiter.

»Antirassistische Gruppen wurden aus dem Stadion vertrieben, während rechte Strukturen seit Jahren geduldet werden«, sagte Hannah Niemeyer, Sprecherin von »Hannover rechts außen«, im Gespräch mit junge Welt. Die Kampagne hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, personelle und ideologische Schnittmengen zwischen organisierter Neonazi- und Fanszene öffentlich zu machen. Diese nachgewiesenen Verbindungen reichen zurück bis ins Jahr 2010. Zu dieser Zeit etablierte sich die rechte Hooligangruppe »Royal Riot«. Durch personelle Überschneidungen zu der 2012 verbotenen Gruppierung »Besseres Hannover« konnten auch organisierte Neonazis einen Platz in der Fanszene von Hannover 96 einnehmen.

Dennoch scheint sich nur schwer ein Problembewusstsein bei Fans und Verein einzustellen. »Natürlich sind nicht alle Fans rechts«, betonte Niemeyer. Dennoch würden »rechte Akteure und ihre Ideologie weiterhin geduldet«. 2017 mussten die letzten linken und antirassistischen Gruppen unter Androhung von Gewalt durch Teile der »Ultras Hannover« ihre Aktivitäten im Stadion einstellen. Begründet wurde dies auch mit der Teilnahme einiger Mitglieder an linken Demonstrationen. Wenn innerhalb der Fanszene aber Aufrufe zur Wahl der AfD oder zu finanzieller Unterstützung der Identitären verbreitet werden, scheint das für die »Unpolitischen« kein Ausschlussgrund zu sein.

Explizite rechte Banner findet man im Niedersachsenstadion nicht mehr und genau das stellt »Hannover rechts außen« vor Herausforderungen. »Wenn Neonazis im Stadion nicht offen auftreten«, sagte Niemeyer, »ist es auch leicht zu behaupten, sie wären nicht da«. Dass dennoch eine Gefahr von ihnen ausgeht, zeigte sich in den zurückliegenden Wochen. Mehrere Ultragruppen riefen dazu auf, sich vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am 24. Februar, in dem linken alternativen Stadtteil Nordstadt, zu treffen. Da auch mit der Anwesenheit von rechten Ultras und Hooligans gerechnet wurde, riefen Anwohnerinnen und Anwohner zu einer antifaschistischen Kundgebung auf. Diese wurde etwa eine Stunde nach Beginn von knapp 60 zum Teil vermummten Fußballfans angegriffen. Nach einer kurzen Auseinandersetzung zogen sich die Angreifer zurück und wurden anschließend von der Polizei festgehalten.

Federführend bei dieser Aktion waren erneut Mitglieder von »West Hannover«, aber auch Vertreter aller wichtigen Ultragruppen waren anwesend. Doch für »Hannovereint« scheint auch hier der eigentlich Verantwortliche festzustehen. Die in dem Bündnis organisierten Gruppen verkündeten auf ihrer Internetseite, dass sie es nicht dulden werden, »wenn Stadtteile für Mitglieder der hannoverschen Fanszene aufgrund des konstruierten Bildes als Verbotszone ausgerufen werden«.

Keine vier Wochen später sollte es im Rahmen des Internationalen Tages gegen Rassismus am vergangenen Freitag eine Podiumsdiskussion geben, zu der auch »Hannover rechts außen« eingeladen wurde (siehe jW vom 25.3.). Diese Ankündigung führte zu Drohungen durch rechte Fanstrukturen. Die Organisatoren zeigten sich in einer Pressemitteilung vom 21. März »erschrocken über die massive Gegenwehr«, mit der »eine Veranstaltung zu rechten Strömungen im Fußball« verhindert werden soll. Wird weiterhin versucht, eine offene Auseinandersetzung über rechte und rassistische Inhalte durch den Verweis auf ein vermeintlich »unpolitisches Fantum« zu unterbinden, sei davon auszugehen, so Hannah Niemeyer, dass »der Druck zunimmt« und es für nicht-rechte Fans »auch zukünftig immer schwerer werden wird, sich im Stadion zu äußern.«

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