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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 1 / Titel
NATO in Europa

Panzer jetzt, Soldaten später

NATO bestätigt Ausbaupläne für polnischen Stützpunkt. »Bereitschaftsinitiative« in vollem Gange
Von Reinhard Lauterbach
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US-Militär muss nur noch eingeflogen werden und kann in die bereitstehenden Panzer einsteigen. Manöver in Swietoszow im Januar 2017

Das Kriegsbündnis NATO hat bestätigt, dass es vom Sommer an in Polen ein großes Depot für schwere Waffen einrichten will. Wie der Generalsekretär der Allianz, Jens Stoltenberg, gegenüber dem Wall Street Journal am Samstag sagte, soll das Lager die Ausrüstung einer kompletten Panzerbrigade aufnehmen und in der Ortschaft Powidz etwa 80 Kilometer östlich von Poznan entstehen. Dort nutzt die US-Luftwaffe bereits seit einigen Jahren eine während des ersten Kalten Krieges von der Sowjetarmee eingerichtete Basis mit Flughafen und Kasernen. Nach polnischen Presseberichten sollen dort zum Betrieb des Lagers bis zu 1.000 US-Soldaten zusätzlich Dienst tun. Die gesamte Investitionssumme in Polen bezifferte Stoltenberg auf 260 Millionen US-Dollar, umgerechnet etwa 230 Millionen Euro.

Insgesamt planen die USA fünf zusätzliche Stützpunkte für das Material einer ganzen Panzerdivision. Powidz wäre der am weitesten in den Osten vorgeschobene Standort, zwei weitere sollen in der Bundesrepublik sowie je einer in Belgien und den Niederlanden entstehen. Der strategische Gedanke dahinter ist, dass im Falle einer politischen Eskalation das US-amerikanische Militär nur noch eingeflogen zu werden braucht, um dann in die bereitstehenden Panzer zu steigen. US-Militärs nannten für diese Option gegenüber dem Wall Street Journal am Samstag auch Kostenvorteile im Vergleich zu einer ständigen Stationierung von Soldaten im Ausland.

Insbesondere aber vermeiden die USA durch eine solche Vorverlagerung von schweren Waffen einen expliziten Konflikt mit der NATO-Russland-Akte von 1997. Darin hatte das Kriegsbündnis gegenüber Russland in – rechtlich unverbindlicher – Form zugesagt, östlich der deutsch-polnischen Grenze »keine substantiellen Kampftruppen neu« zu stationieren. Als substantiell gilt alles oberhalb einer Brigade; die 1.000 zusätzlichen US-Soldaten zum Betrieb der Basis wären zwar zusätzlich, aber keine Kampfeinheiten.

Die US-Pläne bleiben insbesondere auch hinter den Wünschen der polnischen Regierung zurück. Die hatte letztes Jahr in Washington um die Stationierung einer kompletten Panzerdivision ersucht und versprochen, dafür bis zu zwei Milliarden US-Dollar zu zahlen. Die USA bezeichneten dieses Angebot zwar nach außen als »großzügig«, ließen aber in Äußerungen namentlich ungenannter Militärs gegenüber verschiedenen Medien durchblicken, dass diese Summe bei weitem nicht ausreiche, um eine ganze Division zu finanzieren.

Auch der Stationierungsort ist nicht ganz im Sinne Warschaus. Polen hatte den USA Standorte an der unteren Weichsel in den Städten Bydgoszcz und Torun angeboten – nur 200 Kilometer von der Grenze zur Region Kaliningrad entfernt. Vermutlich hat für die Standortwahl auch eine Rolle gespielt, dass Bydgoszcz und Torun in der Reichweite der russischen »Iskander«-Kurzstreckenraketen liegen und deshalb ein leichtes Ziel wären – Powidz hingegen wäre in sicherer Entfernung.

Die NATO-Investition gehört zu einem Programm zur Modernisierung von etwa 250 Infrastrukturobjekten in ganz Europa. Häfen, Bahnlinien, Straßen und Brücken sollen für den Transport von Militärgerät »ertüchtigt« werden. All dies soll bis 2021 fertiggestellt werden. Dann will die NATO im Rahmen einer »Bereitschaftsinitiative« fähig sein, innerhalb von 30 Tagen 30 Bataillone, 30 Staffeln Kampfflieger sowie 30 Kriegsschiffe kurzfristig nach Osten zu verlegen.

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