Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Freitag, 24. Mai 2019, Nr. 119
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.03.2019, Seite 15 / Feminismus
Familiennamen als Türöffner

Klar in der Minderheit

Indiens Frauen haben es auf höchster Ebene der Politik äußerst schwer
Von Thomas Berger
RTX17F2E.jpg
Wahlkampf für das indische Parlament in Lucknow (15.1.2014)

Eine Frauenquote für das nationale Parlament gibt es in Indien trotz jahrelanger Vorstöße noch nicht. Wenn nun ab dem 11. April in sieben Phasen bis Mitte Mai die Wahlen zur Neubesetzung der Lok Sabha, des Unterhauses, anstehen, werden es Bewerberinnen einmal mehr schwer haben, sich durchzusetzen – schon oftmals parteiintern bei der Aufstellung für besonders erfolgversprechende Wahlkreise wie auch später im Wettbewerb mit politischen Konkurrenten. Ein klares Signal hat jetzt der Trinamool Congress (TMC), die regionale Regierungspartei im Unionsstaat Westbengalen, gesetzt, indem dort gleich 40 Prozent Frauen ins Rennen geschickt werden. Das ist für indische Verhältnisse gegenwärtig einzigartig. Der TMC, der sich dereinst von der altehrwürdigen Kongresspartei (INC) abgespalten hatte und einen dezidiert antikommunistischen Kurs fährt, weiß allerdings um das besondere Wahlverhalten in seiner Bastion. Bengalen, unter anderem Heimstatt des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore, gilt seit jeher als das kulturell fortschrittliche Herz Indiens. Mehr als drei Jahrzehnte am Stück regierte in dem Unionsstaat die kommunistisch geführte Linksfront. Frauen haben dort eine weit größere Chance als irgendwo sonst landesweit, es ins nationale Parlament zu schaffen, zeigen die Statistiken – im Schnitt der sechs vergangenen sechs Parlamentswahlen lag diese Chance bei 20 Prozent. Das mag aus europäischer Sicht äußerst gering erscheinen, ist aber in Indien schon der beste Wert. Ähnliche Hoffnungen dürfen sich Kandidatinnen der bevölkerungsreichen Flächenstaaten nur noch in Gujarat machen, der Heimatregion des hindunationalistischen Premierministers Narendra Modi (18 Prozent). Weitgehend chancenlos sind weibliche Kandidaten dafür vor allem im südindischen Karnataka. Dort wurden im Schnitt der sechs vergangenen nationalen Wahlen lediglich fünf Prozent der angetretenen Frauen auch gewählt. 141 waren es, die ihr Glück in dieser Zeit versuchten, lediglich sieben schafften den Einzug in die Lok Sabha. Die Masse, nämlich 119, verlor sogar ihr Deposit, also jene 25.000 Rupien (etwa 320 Euro), die bei einer Kandidatur als finanzielle Sicherheit hinterlegt werden müssen. Sie verfallen, wenn die Kandidatin nicht wenigstens ein Sechstel der Stimmen erreichen sollte.

Trotz aller Fortschritte, die gesellschaftspolitisch seit der Jahrtausendwende erzielt wurden – Frauen blieben in der aktiven Politik Indiens bisher klar in der Minderheit. Insgesamt kandidierten bei den sechs zurückliegenden Wahlen immerhin 2.736 für das nationale Parlament – lediglich 298, also elf Prozent davon, gingen am Ende in ihren Wahlkreisen als Siegerinnen hervor. Drei Viertel verloren sogar ihr Deposit. Da nach wie vor weitaus mehr Männer von den Parteien ins Rennen geschickt werden, erklärt sich so der nur einstellige weibliche Anteil der 543köpfigen Lok Sabha. (Zum Vergleich: Im Deutschen Bundestag liegt er zur Zeit bei 30,9 Prozent). Während die Linke in Indien noch am ehesten bestrebt ist, auch Frauen eine Chance zu geben, bringt es bei den übrigen Parteien Pluspunkte, als Tochter, Ehefrau oder Schwester eines männlichen Politikers die Karriere zu starten. Gerade die regierende Bharatiya Janata Party (BJP) und der INC setzen auf bekannte Familiennamen. Innerparteiliche Demokratie ist in Indien nur rudimentär ausgeprägt; in der Regel bestimmt der engste Führungszirkel, wer ins Rennen geschickt wird.

Indira Gandhi, ab 1966 erste Frau an der Regierungsspitze des Landes, war die Tochter von Jawaharlal Nehru, der das Land zunächst 17 Jahre nach der Unabhängigkeit geführt hatte. INC-Chefin Sonia Gandhi, ihre Schwiegertochter, schaffte es – zumal als gebürtige Italienerin – auch nur dank des prominenten Namens in die erste Reihe. Gute Chancen haben heute Bollywood-Schauspielerinnen, die in die Politik wechseln und wegen ihrer Zugkraft bei nahezu allen Parteien gern aufgenommen werden. Eine Ausnahme war seinerzeit Phoolan Devi, die »Banditenkönigin«, die als junge Frau Selbstjustiz an ihren Vergewaltigern geübt hatte und nach einer Haftstrafe 1996 auf dem Ticket der sozialdemokratischen Samajwadi Party (SP) in die Lok Sabha gewählt wurde. Sie wurde wegen ihrer kontroversen Prominenz aber eher als Stimmenfängerin genutzt, hatte keinerlei Vernetzung in der Partei, war als Abgeordnete weitgehend isoliert – und am Ende, da sie so gut wie keine reguläre Bildung genossen hatte, mit den parlamentarischen Abläufen weitgehend überfordert, wie sie kurz vor ihrer Ermordung im Jahr 2001 selbst beklagt hatte. Lalu Prasad Yadav, aus einfachsten Verhältnissen stammender Exchefminister von Bihar, setzte 1997 seine Ehefrau Rabri Devi – eine Analphabetin, die nicht einmal Gesetzesvorlagen lesen konnte – stellvertretend an die Spitze der Regionalregierung, als er wegen Korruption in Haft musste.

Gleichwohl gibt es heute über Parteigrenzen hinweg eloquente, hochtalentierte und engagierte Politikerinnen – und Fälle wie Mayawati, die Chefin der in mehreren Unionsstaaten einflussreichen Regionalpartei BSP, die sich vor allem auf die Kaste der Dalits, der früher »Unberührbaren«, stützt.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feminismus