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Aus: Ausgabe vom 22.03.2019, Seite 4 / Inland
»Vollständig übernommen«

Schule am Pranger

Hamburg: Abendblatt macht sich zum AfD-Sprachrohr
Von Kristian Stemmler
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AfD, ich weiß was: In Hamburg betreibt die Partei einen Onlinepranger für Lehrer und Schulen

»Linksradikale betreiben ungestört Propaganda an Schule«, titelte das Hamburger Abendblatt am Dienstag. Im AfD-Duktus skandalisierte die Zeitung einen Vorgang an einer Hamburger Schule, der ausgerechnet über den Onlinepranger der AfD-Fraktion in der Bürgerschaft – das Portal »Neutrale Schulen Hamburg« – ausgelöst worden war. Andere Lokalblätter zogen nach. Grund für die Aufregung: In der Ida-Ehre-Schule im Stadtteil Hoheluft-Ost war eine Pinwand mit linken Aufklebern aufgetaucht, darunter Sticker der Gruppe »Antifa Altona Ost«. Am Donnerstag stellte die Schule in einer Stellungnahme, die jW vorliegt, jedoch klar: Der Skandal sind nicht die Aufkleber, sondern die Berichterstattung des Abendblattes, die sich nicht zum ersten Mal zum Sprachrohr der AfD machte.

Über das im September eingerichtete Petzportal, auf dem Schulen und Lehrer anonym denunziert werden können, waren den AfDlern Fotos aus der Ida-Ehre-Schule zugespielt worden, die sie zum Anlass für eine Anfrage in der Bürgerschaft nahmen. Die Bilder zeigten, so hieß es im Abendblatt, eine Pinnwand, die im Raum einer 12. Klasse hängen sollte, und ein Gruppenfoto, das für den Facebook-Account der Antifagruppe gemacht worden sei. Auch ein Schriftzug A. C. A. B. (für »All Cops are Bastards«) in einem Treppenhaus wurde moniert.

Die Zeitung kommentierte, die Schule habe »einer linksextremistischen Gruppe nicht nur ihre Eingangstür als Fläche für gewaltverherrlichende Propaganda überlassen und Graffiti geduldet, die Polizisten zu Freiwild machen«. Sie habe sogar eine »Pinnwand für Antifa-Werbung zur Verfügung gestellt«. Dafür gäbe es nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder seien die verantwortlichen Lehrer ahnungslos, oder sie hielten »linken Extremismus« für eine gute Sache. Die Schulbehörde, so berichteten mehrere Medien, habe auf die AfD-Anfrage reagiert. Noch in den Märzferien habe eine Begehung des Oberstufengebäudes der Schule stattgefunden, die Beseitigung der Aufkleber und das Übermalen des Schriftzugs seien angeordnet worden.

Die Erklärung der Schule wirft ein anderes Licht auf den Vorgang. Darin heißt es, die von der AfD monierte Aufklebersammlung auf einer Pinnwand sei im Rahmen eines Projektvorhabens des Oberstufenprofils »Sich einmischen – Kunst als kulturelle Kompetenz« entstanden. Die Klasse habe gemeinsam beschlossen, eine Fläche im Klassenraum zu nutzen. Die Lehrkraft habe darauf bestanden, dass ausschließlich die Korkwand dazu genutzt werden darf. Voraussetzung war, dass niemand gegen einen Aushang von Aufklebern, Bildern oder Texten war. »Sexistische oder andersweitig diffamierende Bilder oder Texte« seien untersagt gewesen. Aus Sicht der Schulleitung sei der Lehrkraft nichts vorzuwerfen.

Weitere Aufkleber hätten sich nicht öffentlich einsehbar in einer Sitzecke befunden. Selbstverständlich trage die Schulleitung die Verantwortung dafür, dass entsprechende Aufkleber entfernt werden. Gleiches gilt für die monierten Aufschriften, ebenso wie für »getätigte Schmierereien«. Das angeprangerte Gruppenfoto sei, so heißt es weiter, ebenfalls in einem »pädagogisch-didaktischen Rahmen« entstanden und zwar im Rahmen des Wettbewerbs »protest.sucht.motiv.de«, an dem Schüler teilgenommen hätten. Die Schulleitung zeigte sich »entsetzt über den Umgang von Teilen der Presse mit den erhobenen Vorwürfen«. Das Abendblatt habe »nahezu vollständig« das »Wording« der AfD-Anfrage übernommen.

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