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Aus: Ausgabe vom 21.03.2019, Seite 5 / Inland
Fusion mit eingabauter Sprengkraft

Klatsche für Bayer

US-Gericht sieht Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebserkrankung. Dem Konzern droht mit seiner Neuerwerbung Monsanto ein Fiasko
Von Bernd Müller
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Konzernkritiker protestieren seit langem gegen Einsatz von Glyphosat. Von den US-Urteilen fühlen sie sich bestätigt

Bayer ist angezählt: Am Dienstag (Ortszeit) unterlag der Konzern in einem zweiten Prozess, der wegen des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in den USA geführt wurde. Die Geschworenen in San Francisco haben einstimmig entschieden, das Mittel sei ein wesentlicher Faktor für die Erkrankung des Klägers Edwin Hardeman an Lymphdrüsenkrebs gewesen. Der 70jährige hatte Glyphsat 25 Jahre lang auf seinem Grundstück verwendet.

Unmittelbare Folgen hat das Urteil vorerst nicht. Der zuständige Richter Vince Chhabria hatte das Verfahren auf Antrag von Bayer geteilt. Im ersten Teilprozess sollte wissenschaftlich geklärt werden, ob ein Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebserkrankungen besteht. Erst im zweiten Teil werden die Haftungsfragen geklärt. Dabei geht es auch darum, ob die Bayer-Tochter Monsanto über Risiken hinwegtäuschte und wie hoch der Schadensersatz ausfallen könnte.

Während sich der Kläger und dessen Anwälte vor Freude in den Armen lagen, zeigten sich die Konzernvertreter enttäuscht. In einer Erklärung heißt es, dass Unternehmen sei auch weiterhin »davon überzeugt, das die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen, dass glyphosatbasierte Herbizide keinen Krebs verursachen«. Man sei zuversichtlich, im zweiten Prozessteil zeigen zu können, »dass Monsantos Verhalten angemessen war und das Unternehmen nicht für die Krebserkrankung von Herrn Hardeman haftbar gemacht werden sollte«. Zwar habe man »großes Mitgefühl« mit dem Betroffenen und seiner Familie, dennoch stehe die Bayer AG hinter den Glyphosatprodukten und werde sie entschieden verteidigen.

Der Fall ist brisant, denn ihm wird nach US-Recht eine richtungsweisende Funktion zugeschrieben. Es handelt sich um einen sogenannten Bellwe­ther-Prozess. Diese werden immer dann eingeleitet, wenn viele ähnliche Klagen vor US-Bundesgerichten eingehen. Sie sollen den Streitparteien dabei helfen, das Ausmaß von Schäden und die Höhe denkbarer Vergleichszahlungen besser abschätzen zu können. Dafür versuchen die Richter, einen möglichst repräsentativen Fall auszuwählen. Die Erkenntnisse daraus können dann andere Gerichte für ihre individuellen Urteile übernehmen. Von denen stehen reichlich an: Bis Ende Januar wurden Monsanto in den USA rund 11.200 Klagen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Glyphosat zugestellt.

Im August 2018 war Monsanto bereits in einem anderen Prozess verurteilt worden. Damals hatten die Geschworenen dem ehemaligen Hausmeister Dewayne Johnson 289 Millionen Dollar Schmerzensgeld und Entschädigung zugesprochen. Die Summe wurde dann von der zuständigen Richterin auf gut 78 Millionen US-Dollar (69 Millionen Euro) abgesenkt. Bayer hatte dennoch Berufung eingelegt.

Dem zur Schau gestellten Optimismus zum Trotz wächst sich der Streit zu einem ernstzunehmenden Problem für die Konzernführung aus. Wenn es nach Christian Strenger, ehemaliges Mitglied der Regierungskommission »Deutscher Corporate Governance Kodex«, geht, wird die im April stattfindende Hauptversammlung turbulent. Wie das Managermagazin vor einer Woche berichtete, ruft Strenger die übrigen Aktionäre auf, den Konzernvorstand nicht zu entlasten. Ebenso legt er dem Aufsichtsrat zur Last, seinen Kontrollpflichten nicht nachzukommen. Auch diesem solle unter Umständen die Entlastung verweigert werden: Die Übernahme von Monsanto sei der größte und schnellste Wertvernichter in der Geschichte des Deutschen Aktienindexes gewesen.

Unkrautvernichter auf Glyphosatbasis könnten aber auch schon bald obsolet werden. Forscher der Universität Tübingen haben nämlich eine Zuckerart entdeckt, die genauso wirkt wie Glyphosat. In der Natur wird sie von bestimmten Bakterien produziert, die damit konkurrierende Stämme in ihrer Entwicklung hemmen. Während Pflanzen durch den Zucker in ihrem Wachstum gehemmt würden, sei er für Mensch und Tier unbedenklich, so die Forscher gegenüber der Deutschen Welle.

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