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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Leipziger Buchmesse

Sonne über Leipzig

Anke Stelling gewinnt den Preis der Buchmesse
Von Peter Merg
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Anke Stelling bei der Verleihung des Buchpreises der Leipziger Buchmesse (21.3.2019)

Alles ist besser in Leipzig dieses Jahr. Das Wetter sonnig, die Besuchermassen wohltemperiert, die Faschos abgemeldet und die Preisträger auszeichnungswürdig. Denn Anke Stelling hat den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Ihr im vergangenen Sommer erschienenes Buch »Schäfchen im Trockenen« sei »ein scharfkantiger, harscher Roman, der wehtun will und wehtun muss, der protestiert gegen den beständigen Versuch des Besänftigtwerdens«, begründete die Jury ihre Entscheidung. Das ist für Laudatioprosa überraschend präzise. Denn im Roman wird der Schriftstellerin Resi samt Mann und vier Kindern von gut betuchten Freunden der günstige Mietvertrag gekündigt, weil sie ihnen zu abfällig über ihr ach so fortschrittliches Wohnprojekt geschrieben hatte. »Anke Stelling gelingt das Psychogramm einer Klassenherrschaft, die in ihren oberflächlich gesehen progressiven Teilen nichts davon wissen will, eine zu sein, und darum um so empfindlicher auf Kritik reagiert«, schrieb Kai Köhler in seiner Kritik des Buches in der jW-Literaturbeilage.

Ein Roman, dessen Protagonistin aus dem Kulturprekariat mit analytischer Wut erkennen muss, dass letztlich immer zählt, wer das Geld hat und wer wen aus der Wohnung werfen kann – dass solch konsequenter Realismus prämiert wird, ist durchaus außergewöhnlich. Stand doch auch so kulturbetriebskalkuliert gespreiztes Geschreibsel wie Feridun Zaimoglus »Die Geschichte der Frau« und Kenah Cusanits »Babel« auf der Liste der Nominierten. Der Preis ist zugleich auch der vorerst größte Triumph des kleinen Berliner Verbrecher-Verlages, der in den jüngsten Monaten zurecht schon allerlei andere Auszeichnungen angetragen bekam. Die Vergabe lässt sich somit auch als Anerkennung der unabhängigen Verlage lesen, die zur Zeit von der Insolvenz des größten Buchzwischenhändlers im deutschsprachigen Raum KNV am härtesten getroffen werden.

Weniger symbolträchtig fielen die weiteren Juryentscheidungen aus. Eva Ruth Wemme erhielt für ihre Übertragung von Gabriela Adameşteanus Roman »Verlorener Morgen« (Die Andere Bibliothek) aus dem Rumänischen den Übersetzerpreis, den sie schon vergangenes Jahr verdient gehabt hätte. In der Kategorie Sachbuch wurde Harald Jähners »Wolfszeit« (Rowohlt Berlin) über die deutschen Nachkriegsjahre prämiert, weshalb Kia Vahlands anregende Monografie über Leonardo da Vincis fortschrittliches Frauenbild (»Leonardo da Vinci und die Frauen«, Insel Verlag) leer ausging. Das wäre wohl zu viel des Guten gewesen. Immerhin: Die Sonne über Leipzig, sie scheint weiter.

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